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Andreas Maier : Mein Lieblingsbuch: „Die Brüder Karamasow“

  • Aktualisiert am

Vorsicht, Suchtgefahr Bild: Patmos

Man wirft Dostojewski Unübersichtlichkeit vor? Ja, das stimmt! Trotzdem sind seine „Brüder Karamasow“ für den Schriftsteller Andreas Maier eine Sucht - ja, er lebt geradezu in diesem Roman.

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          Wenn ich die Brüder Karamasow lese, was ich etwa alle zwei Jahre tue, dann fiebre ich von Anfang an völlig mit, auch wenn ich inzwischen in- und auswendig weiß, wie alles in dem Roman zusammenhängt und wie alles ausgeht. Ich werde atemlos, muß weiterlesen, kann nicht aufhören, es ist wie eine Sucht.

          Übrigens identifiziere ich mich auf eine höchst intensive und quälende Weise mit den handelnden Personen. Als ich sechzehn war, identifizierte ich mich ganz und bis zur Selbstaufgabe mit Aljoscha Karamasow, dem jüngsten der Brüder, Klosternovize.

          Jetzt bin ich um einiges älter und habe vor zwei Jahren in einer Nacht wegen einer Frau sehr viele Gläser zerschlagen, noch mehr getrunken und geschrien: Ich sei in Wahrheit, wie ich jetzt zum ersten Mal begreife, gar nicht Aljoscha, nein, auch Iwan sei ich nicht (der Intellektuelle unter den Karamasows), nein, ich sei in Wahrheit schon immer Dmitrij gewesen (der Wollüstling unter den dreien). Ich, Dmitrij Karamasow!

          Kurzum, ich lebe geradezu in diesem Roman. Es ist eine Literatur am totalen Abgrund. Und ein solches Buch kann gar nicht lang genug sein. Man wirft Dostojewski Unübersichtlichkeit vor? Ja, das stimmt! Dostojewski hat in seinen dicken Romanen regelmäßig völlig den Faden verloren, und deshalb agiert sein Personal so, wie es agiert, nämlich ohne Faden. Aber gerade das begeistert mich!

          Wenn Dostojewski einfach nicht mehr begreift, wieso eine Figur jetzt plötzlich dies und das tut (weil es nämlich mit all ihren vorherigen Handlungen total unzusammenhängend ist), dann läßt er die betreffende Person kurzerhand mit möglichst großem russischem Pathos bekennen, daß sie überhaupt nicht verstehe, warum sie jetzt dies und das tue. Der billigste aller Kunstgriffe, aber sehr schön!

          Und daß die Russen Dostojewski überhaupt nicht mögen, seine Sprache schlecht finden, er für viele einfach eine absolut unsympathische, bäurische, erznationalistische, psychopathische Erscheinung ist, finde ich großartig. Dostojewski, das Gegenteil von Eitelkeit.

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