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Amerikas Erfolgsreporter : Bob Woodward spricht mit allen

  • -Aktualisiert am

Von und seinen Kritikern wärmstens empfohlen Bild: Simon and Schuster

Geschichte von oben mit den Mitteln von unten: Der Watergate-Mitenthüller Bob Woodward schreibt nach eigenen Regeln. Mit seinem jüngsten Bestseller „Plan of Attack“ hat er sich mehr Lob als sonst eingehandelt.

          Bob Woodward ist nicht der Homer unseres Zeitalters. Beide aber sind sie in demselben Gewerbe tätig. Wenn der eine über die Eroberung von Troja berichtet und der andere über den Weg in den irakischen Schlamassel, wühlen sie nicht erst in Akten und Urkunden. Sie lassen sich erzählen, was passiert ist. Ob ihre Recherche dann im daktylischen Hexameter daherkommt, um eine gesteigerte Erinnerungsfähigkeit zu garantieren, oder schon die narrative Form von Filmszenen vorausahnt, ist nur von untergeordneter Bedeutung.

          Maßgeblich ist die erinnerte Geschichte, die sich auf mündlich tradierte Quellen beruft und beschränkt. Mal verschwimmen sie im fernen Mythos, mal geht es ihnen nicht schnell genug, die kaum vollendete Gegenwart zu mythifizieren. Während Homer für die Erkenntnisstrategie noch ohne Namen auskam, heißt sie bei Woodward: Oral History. Das Verfahren ist also so alt wie Homer und, in seiner temporeicheren amerikanischen Variante, kaum älter als Woodward.

          Meinungsfreude und Sprachwitz

          Dennoch liefert der Watergate-Mitenthüller keine lupenreine Oral History, wie sie etwa Studs Terkel zur literarischen Vollendung gebracht hat. Was ihm seine angeblich fünfundsiebzig Gewährsleute, die er für sein neuestes Buch "Plan of Attack" befragt hat, auf den Digitalrekorder sprachen, bettet Woodward in szenische Vignetten ein. Einmal mehr geht er dabei zu Homer auf Distanz. Denn Sprachgewalt ist einer Prosa nicht nachzusagen, die ihren Reiz aus einer geradezu demonstrativen Farblosigkeit bezieht. Darin wiederum unterscheidet er sich von Hunderten von Kollegen, die, zumal im Magazinjournalismus, mit der Collagetechnik weitaus virtuoser umgehen. In einer Zeitschrift wie "Vanity Fair", die ganze Heerscharen von Informanten in einer einzigen Geschichte oder einem einzigen endlosen Porträt unterbringt, fängt es zwischen den Zitaten vor lauter Meinungsfreude und Sprachwitz erst richtig zu glitzern an.

          Woodward schreibt so nüchtern und reserviert, wie er redet. Er verläßt sich auf die ungeheure Faktenfülle, die ihre eigene Mischung bereits in sich trägt. Für staatsmännische Verlautbarungen ist wenig Platz, wo Cheneys Nickerchen in einer Lagebesprechung zur nationalen Sicherheit zur Sprache kommt oder Paul Wolfowitz überlegen darf, ob Bin Ladin mit ehemaligen Geheimdienstlern aus der DDR unter einer Decke stecken könnte. Nach den Regeln des strengen amerikanischen Zeitungsjournalismus geht Woodward dabei viel zu großzügig mit den Anführungszeichen um. Auch wenn einer ihm erzählt, was ein anderer von einem dritten oder vierten gehört hat, bastelt er daraus Dialoge, wie sie nicht präziser vom Tonband kommen könnten. Seriöse Vertreter der Oral History überfällt da ein gar nicht so leiser Schauder.

          Ein Anruf genügt

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