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Amerika trauert um David Foster Wallace : Wenn Hamlet schreiben könnte

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Zuletzt bei uns erschienen: David Foster Wallaces „Vergessenheit” Bild: Kiepenheuer & Witsch

Der Freitod des Autors David Foster Wallace ruft Reaktionen hervor, die selbst auf den Literaturseiten der Zeitungen und Magazine persönlicher nicht sein könnten: Das literarische Amerika trauert nicht lediglich, es steht geradezu unter Schock.

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          Das literarische Amerika trauert nicht nur um David Foster Wallace, es steht geradezu unter Schock. Der Suizid des Schriftstellers ruft zumal in der jüngeren Generation Reaktionen hervor, die selbst auf den Literaturseiten der Zeitungen und Magazine persönlicher nicht sein könnten. Joel Stein, 1971 geborener Mitarbeiter von „Time “, nennt „Infinite Jest“ auf der Website des Nachrichtenmagazins den „besten Roman, seit ich alt genug war, zu lesen.“ Wallace ist für ihn „der Kerl, der Fußnoten zurückbrachte (seine Romane sind voll davon), oder die Person, die Thomas Pynchons Paranoia gegenüber Leserreaktionen ins postmodern Megaepische vergrößerte.“ Zudem sei er der größte Horror-Romancier aller Zeiten gewesen.

          „Unter den lebenden Schriftstellern war er mir der liebste“, bekennt Laura Miller im Internetjournal salon.com, „und ich weiß, dass ich da viel Gesellschaft habe.“ Miller könnte sich vorstellen, dass es irgendwann einmal eine Erklärung für Wallaces Freitod geben könnte, weist jedoch auch darauf hin, dass alle aufmerksamen Leser in den vergangenen Jahren bemerken mussten, wie sich seine Geschichten immer mehr eindunkelten. In seiner Geschichtensammlung „Oblivion“, dem letzten Buch, das er vor seinem Tod veröffentlichte, träfen wir einen Menschen nach dem andern an, der auf die unmögliche Aufgabe eindresche, das Leben erträglich zu machen.

          Der Zustand der Welt und die Rolle des Schriftstellers darin

          Auch David Gates, der für die Online-Ausgabe von „Newsweek“ den Nachruf verfasst hat, entdeckt nun überall Hinweise auf ein Leben dicht am Abgrund, in Wallaces 1996 erschienenem Hauptwerk „Infinite Jest“ ebenso wie in „Oblivion“ und in der Rede, die er vor drei Jahren auf der Abschlussfeier am Kenyon College in Gambier, Ohio, hielt. Die grellen Umstände seines Todes würden aber gewiss bald von seinen Büchern beiseite geschoben, denn die Furcht, der er künstlerische Form gegeben habe, sei nur allzu wirklich, allzu universell.

          Sein Hauptwerk: „Infinite Jest” aus dem Jahr 1996

          Gates sieht in Wallace ein Genie, das zufällig Schriftsteller wurde. Wäre der endlos sich selbst analysierende Hamlet ein Schriftsteller gewesen, hätte er eher wie Wallace als Shakespeare geschrieben. Als „undenkbare Tragöde“ beklagt Christopher Hayes in „The Nation“ den frühen Tod. Und in der „New York Times“ verwandelt sich Michiko Kakutani, unter den Kritikern des Landes wohl die meistgefürchtete, in einen trauernden Fan. Sie rühmt seine wunderbaren schriftstellerischen Gaben, seine manische, überschäumende Prosa, seinen grimmigen Scharfblick, seine Fähigkeit, avantgardistische Techniken mit altmodischem moralischem Ernst zu verschmelzen.

          Wallace habe das Mythische und Alltägliche kartiert, eine absurde Zukunft heraufbeschworen und uns derweil die Vorstöße des Absurden in die Gegenwart der Nation vor Augen geführt. Sein Werk, vom gigantischen Roman „Infinite Jest“ bis zu seinen Ausflügen in den Journalismus, fühle sich zum Großteil wie „Outtakes“ einer endlosen Debatte an, die in seinem Kopf stattgefunden habe und in der es um den Zustand der Welt, die Rolle des Schriftstellers darin und den Zwiespalt zwischen Idealismus und Zynismus, Streben und Wirklichkeit gegangen sei.

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