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Widerstand in Amerika : Der Kampf gegen Amazon beginnt

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Sie lernten sich kennen, als sie beide bei Book Soup, einem Buchladen am Sunset Boulevard, arbeiteten. Edan Lepucki studierte Creative Writing in Oberlin, absolvierte den angesehenen Iowa Writer’s Workshop, gründete und leitete Schreibwerkstätten in ihrer Heimatstadt Los Angeles, bevor sie mit ihrem Mann nach San Francisco zog. Ihre Karriere bekam einen Dämpfer, als ihr erstes Romanmanuskript „The Book of Deeds“, eine Geschichte über gewalttätige Mädchen, von Dutzenden Verlagen abgelehnt wurde. Dann, eines Nachts, fuhr sie mit dem Wagen den Sunset Boulevard entlang und kam in eine Gegend, in der die Straßenlaternen nicht mehr funktionierten. Sie fragte sich, wie es wäre, wenn das so bleiben würde, so dunkel, überall in L. A., wie sie sich dann fühlen würde. Das war die Idee, aus der „California“ hervorgehen sollte.

Der Preis soll den letzten Widerstand brechen

Jetzt ist Edan Lepucki 33 Jahre alt. Sie hat erreicht, wovon viele Debütanten träumen: wahrgenommen und gelesen zu werden - auch wenn ihr Erfolg zum Teil auf einer ideologischen Kampagne basiert. Im Gegensatz zu vielen ihrer älteren Kollegen schreibt sie keine flammenden Essays gegen flächendeckenden Onlinehandel, sie ruft auch nicht öffentlich zum Boykott auf oder verlangt nach staatlicher Regulierung. Sie taugt nicht als Jeanne d’Arc einer Anti-Amazon-Bewegung. Ihr Protest ist dezent: Auf ihrer Website verweist sie auf Buchhandlungen, auf kleine wie Vroman’s oder Powell’s und auf große wie Barnes & Noble. Der alte Feind, die großen Ketten, gehört angesichts der Übermacht von Amazon plötzlich zu den neuen Verbündeten.

Am vergangenen Dienstag erschien ihr Buch endlich, und dieses Ereignis feierte sie am selben Abend im Osten von Los Angeles, bei Skylight Books - einer der Buchhandlungen, in der sie selbst eine Zeitlang gearbeitet hat. Der Laden liegt in einem hippen Viertel namens Los Feliz Village, südlich vom Griffith Park. Die Straßen säumen Programmkinos, Theater, Clubs und Bars, französische Restaurants und Vintage-Shops. Bis vor kurzem gab es hier noch Dumb Starbucks Coffee, eine Parodie auf den gleichnamigen Kaffeekonzern.

Die Bewohner dieses urbanen Dorfes der Glücklichen sind also rebellionserfahren. Und im Skylight Bookstore stehen Titel prominent plaziert, die programmatisch wirken, wie eine Kampfansage ans ökonomische Establishment: „Civil Disobedience“, „Thank You, Anarchy“, „Youth in Revolt“. Die meisten Regale sind für die Lesung zur Seite geschoben, und bald ist der Raum vollgepackt mit Zuhörern. Edan Lepucki tritt ans Pult, sichtlich gerührt von der Resonanz - im Publikum sitzen ihre Schwester, ihre Mutter, zwei ihrer Englischlehrer, ehemalige Schüler, Mitschüler, Nachbarn und Kollegen -, und beginnt aus ihrem Buch zu lesen, keine zehn Minuten, nur einen Ausschnitt. Sie möchte lieber Fragen beantworten, die Möglichkeit nutzen, dass sie alle hier zusammengekommen sind, und das ausspielen, was eine Buchhandlung im besten Fall sein kann: ein Ort der Begegnung, des Austauschs, der Inspiration. Sie spricht über ihre Einflüsse, ihre Schreibroutine, darüber, wie bizarr und bereichernd das Leben in Los Angeles ist, als ob sie das schon hundert Mal getan hätte, sehr unterhaltsam und sehr professionell.

Jemand fragt sie nach Amazon, und sie sagt: „Es ist toll, dass Colbert meinen Roman in die Kamera gehalten hat, und es tut mir für all die anderen Bücher leid, die nicht diese Beachtung gefunden haben. Ich kaufe nicht bei Amazon. Ich liebe Buchhandlungen. Und ich gehe da nicht aus karitativen Gründen hin, sondern weil ich finde, dass das ein großartiges Business ist, eine echte Gemeinschaft, ein sinnstiftendes Erlebnis.“ Hinterher, beim Signieren, schreibt sie einem der Anwesenden dann aber doch ein mutiges „Fuck Amazon“ auf die erste Seite.

Ungeachtet ihrer ablehnenden Haltung und der weiterhin andauernden Auseinandersetzung mit Hachette ist ihr Roman jetzt auch bei Amazon lieferbar, und zwar ab sofort. Für 18,09 Dollar - fast acht Dollar günstiger als bei Skylight Books. Der Preis, das ist wohl die Botschaft, soll jeden Widerstand gegen den Internetgiganten brechen.

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