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Was will Amazon? : Hinter der Mauer des Schweigens

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Das Schaufenster ist offen, über die Verträge mit Amazon darf nicht gesprochen werden: Firmenchef Jeff Bezos Bild: AP

Amazon macht weniger als zehn Prozent seines Umsatzes mit Büchern. Warum nimmt der größte Einzelhändler der Welt ausgerechnet diesen Geschäftszweig so ungeheuer wichtig?

          Eines der größten Monopole der Geschichte war die katholische Kirche des Mittelalters. Ihre spirituelle und weltliche Macht war absolut, bis sie auf einen ebenso mächtigen Rivalen traf: das gedruckte Buch. Heute stehen die Druckmedien wiederum im Mittelpunkt einer Kulturrevolution. Nur sind sie diesmal nicht die Herausforderer eines weltweiten Monopols, sondern dessen erfolgreichste Waffe. Amazon, das Jeff Bezos gehört, nutzte das Buch, um zum größten Einzelhändler der Welt aufzusteigen. Das Unternehmen brauchte zwanzig Jahre, um zur Monopolmacht zu werden. Seit Amazon in der letzten Woche eine Schwarze Liste von Autoren als Instrument für seine Verhandlungen mit Hachette aufstellte, wissen wir, wie weit das Unternehmen beim Missbrauch dieser Macht gehen will.

          Erst kürzlich erfuhr die Öffentlichkeit vom Krieg zwischen Amazon und den Buchverlagen. Im letzten Februar ließ Amazon stillschweigend einige Autoren „verschwinden“, um Hachette zu höheren Rabatten bei den Büchern des Verlages zu zwingen. Was die Öffentlichkeit allerdings nicht weiß, ist, dass es hier um eine Art von Schmiergeld geht. Wie kommt Amazon damit zurecht, dass es fast alle seine Bücher mit Verlust verkauft? Irgendwoher muss das Geld ja kommen – und das geschieht in Gestalt von „Gebühren“, die von den Verlagen gezahlt werden müssen, damit ihre Bücher überhaupt gelistet werden. Diese Gebühren, die sich zu Hunderten von Millionen summieren, und nicht etwa die Nachfrage der Käufer bestimmen in nahezu sämtlichen Aspekten, wie ein Buch bei Amazon präsentiert oder empfohlen wird oder welche Vorzugsbehandlung es erfährt. In den meisten ökonomischen und politischen Kontexten wird eine solche Praxis als „pay-to-play“ oder schlicht als „Bestechung“ bezeichnet und gilt als ungesetzlich.

          Entschluss zum Widerstand

          Amazon brilliert in der Fähigkeit, hinter einer Mauer des Schweigens zu agieren. Das Unternehmen folgt dem Grundsatz, möglichst nicht mit der Presse zu sprechen, aber eigentlich geht es darum, diesen Grundsatz auch der restlichen Verlagsbranche aufzuzwingen. Unter dem Druck strafbewehrter Verschwiegenheitsklauseln wagt niemand in den Mainstream-Verlagshäusern, die Dinge offen auszusprechen. Selbst heute, da mehr als fünftausend Bücher samt ihren Autoren von Amazon als Geiseln gehalten werden, sagt Hachette nicht – und darf nicht sagen –, worum es in dem Streit überhaupt geht. Und dasselbe gilt für Bonnier in Deutschland.

          Stattdessen haben beide Verlage sich eingegraben und geben in Presseerklärungen bekannt, sie wollten Widerstand gegen die (nicht veröffentlichten) Vertragsbedingungen leisten. Zu diesem potenziell ruinösen Schritt – der sie Millionen kosten kann – haben Hachette und Bonnier sich entschlossen, weil sie keine andere Wahl haben. Auch wenn sie kapitulierten, drohte ihnen der Ruin. Dasselbe gilt für die übrigen Verlage, wenn sie dann an der Reihe sind und mit Amazon verhandeln müssen.

          Verhängnisvolle Klausel im Vertrag

          Nach Schätzungen des Forbes Magazine kontrolliert Amazon heute fünfzig Prozent des gesamten Buchabsatzes in den Vereinigten Staaten. Es handelt sich nicht um ein gesetzliches Monopol nach den Bestimmungen des Sherman Anti-Trust Act von 1890, auch wenn Amazon sich in der Praxis durchaus so verhält. Vor allem im E-Book-Bereich hat Amazon keine ernstzunehmenden Konkurrenten. Dank einer Kombination aus Dumpingpreisen, strategischen Übernahmen und Steuervermeidung stößt das Unternehmen heute auf allen Geschäftsfeldern nur auf sehr geringe Konkurrenz. Der weltweit erfolgreichste Verkäufer von Babywindeln, Unterwäsche und Batterien braucht Hachette und Bonnier nicht zum Überleben. Wenn Amazon kein einziges Buch mehr verkaufte, hätte das nur geringe Auswirkungen auf den Gesamtumsatz des Unternehmens: Lediglich 5,25 Milliarden des Jahresumsatzes von 75 Milliarden Dollar gingen ihm verloren.

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