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Was will Amazon? : Hinter der Mauer des Schweigens

  • -Aktualisiert am

Amazon behauptet, auf der Seite der Verbraucher zu stehen. Aber Schwarze Listen für Autoren, die Erschwerung von Verkäufen und die Erpressung von Schmiergeldern als Gegenleistung für verkaufsfördernde Maßnahmen gehören nicht zu den Dingen, die man von einem offenen, verbraucherorientierten Marktplatz erwarten sollte. Noch lächerlicher ist die Behauptung des Unternehmens, es stünde auf der Seite der Autoren, weil es jedem die Möglichkeit biete, selbst zu publizieren. Der Himmel weiß, dass die Verlagsbranche einiges zu verantworten hat. Aber Autoren, die sich und ihr Werk Amazon anvertraut haben, entdecken eine hässliche Wahrheit. In den von ihnen unterzeichneten Verträgen findet sich eine Klausel, die es dem Unternehmen erlaubt, Preise und Honorare nach Belieben zu kürzen – und genau das ist auch schon geschehen.

Deformation der gesamten Branche

Auf kurze Sicht müssen die Autoren sich an eine von Amazon beherrschte Welt anpassen. Es versteht sich von selbst, dass Autoren aller Art mit wenigen Ausnahmen dramatische Einkommensverluste haben hinnehmen müssen. Seine wahre Einstellung zur Buchbranche enthüllte Amazon letzten Dienstag in einer öffentlichen Erklärung. Dort werden Bücher als „nachfragegewichtete Einheiten“ bezeichnet. Das sind sie nicht. Ein Kunde, der nach Tolstois „Krieg und Frieden“ sucht, wird nicht Talshoys „Krieg und Frieden“ kaufen, weil das billiger ist. Auch wenn Amazon uns das Gegenteil weismachen möchte, Tolstois Buch hat einen Wert, während das andere nur einen Preis hat. Verlage haben das verstanden. Wenn sie vor die Hunde gehen (zusammen mit unabhängigen Buchhändlern), wird auch die Finanzierungsstruktur für Sachbücher, ernsthafte Belletristik und Poesie vor die Hunde gehen.

Amanda Foreman

Aber die schädlichen Auswirkungen auf das literarische Leben reichen viel weiter und tiefer. Alle Bereiche der Buchbranche sind von Deformationen bedroht, denn so gedeihen Monopole nun einmal: durch Deformation und Korrumpierung ihrer Umwelt. Nur zur Illustration: Die einzige literarische Organisation, die bereit war, sich mir gegenüber offiziell zu äußern, war die Authors Guild, die kein Geld von Amazon erhält.

Keine Angst, zu protestieren

Bücher bildeten einst das Fundament, auf dem die Demokratie errichtet wurde. Deshalb bemühen nichtdemokratische Länder sich so intensiv, sie zu kontrollieren. Disney lässt chinesische Zensoren schon bei den Dreharbeiten zu und überlässt ihnen die Entscheidung, was ihre Landsleute sehen dürfen. Man braucht nicht sonderlich viel Phantasie, um sich vorzustellen, dass es eines Tages zu einem ähnlichen Szenario im Blick auf Amazon kommt – und zwar schon bald, wenn wir zulassen, dass dieses Unternehmen nicht nur zum Monopolisten des Vertriebs, sondern auch noch zum einzigen Unternehmen wird, das die Manuskripte nachfragt, die von unzähligen Autoren angeboten werden.

Auf lange Sicht liegt die Bedrohung für das öffentliche Wohl in der Gefahr, dass Amazon die fundamentale Freiheit einschränkt, seine Gedanken in gedruckter Form zum Ausdruck zu bringen. Im besten Fall wird die Fähigkeit, die conditio humana zu erforschen, zu bewerten und darüber nachzudenken, zum Privileg einiger weniger werden, denen staatliche Subventionen oder private Fördergelder zufließen.

Auf die Frage, was wir dagegen tun können, lautet die Antwort: viel. Amazon muss durch staatliche Regulierung in seine Bestandteile zerlegt werden, wie man es einst mit den Monopolbanken getan hat. Die Großen Fünf der Buchbranche müssen sich vereint gegen die Forderungen von Amazon wehren; die Freiheit des kreativen Buchmarkts hängt davon ab. Die Kunden müssen ihre Bücher bei unabhängigen Händlern kaufen, solange sie es noch können. Was die Schriftsteller angeht, so wäre es naiv, ihnen den Rat zu geben, sie sollten keine Angst haben, gegen Amazon zu protestieren. Natürlich haben wir Autoren Angst. Bisher waren die Risiken einer öffentlichen Stellungnahme gegen Amazon weitaus größer als jeder denkbare Lohn. Aber das pauschale Vorgehen gegen die Autoren von Hachette beweist, dass willfähriges Verhalten uns nicht retten wird. Wir müssen uns mit den Autoren von Hachette und Bonnier solidarisieren. Ihr Schicksal ist unser Schicksal. Wir können ihnen helfen, den Sieg davonzutragen.

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