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Amazon-Boykott : Der Feind in meinen Büchern

  • -Aktualisiert am

Damit fängt es an: Bestell-Button bei Amazon.de Bild: Amazon.de

Überall kämpfen die Schriftsteller gegen die Markt- und Manipulationsmacht von Amazon. Was ist aber mit uns Lesern: Sollen auch wir diese Firma boykottieren? Elf Fragen und Antworten zum Thema.

          8 Min.

          Warum soll ich nicht bei Amazon kaufen?

          Weil Amazon seine Mitarbeiter wie Roboter behandelt. Weil Amazon so mächtig ist, dass es den Buchhandel komplett umkrempelt und den Verlagen harte Konditionen diktieren kann. Weil Amazon seine Kunden ausschnüffelt. Weil Amazon nicht nur weiß, was wir gerne lesen, sondern weil deshalb auch die Gefahr besteht, dass es Bücher, die wir nicht so gerne lesen, in Zukunft noch schwerer haben werden.

          Warum tu ich’s trotzdem?

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Am Preis liegt’s nicht, schließlich kosten Bücher überall das Gleiche. Nur bei englischsprachigen E-Books ist die Kindle-Ausgabe oft günstiger als die E-Pub-Version anderer Anbieter. Aber Kaufentscheidungen sind eben auch nicht in erster Linie moralisch motiviert, sondern durch andere Bedürfnisse. Und die befriedigt Amazon sensationell. Es gibt dort fast alles und fast alles sofort - und zwar zu Preisen, die nur selten über denen der Konkurrenz liegen. Was auch daran liegt, dass ein Teil der Konkurrenz seine Waren längst auf dem „Amazon Marketplace“ verkauft.

          Das Sortiment von Amazon ist phantastisch, nicht nur das an Büchern (die in den Vereinigten Staaten nur noch geschätzte sieben Prozent des Umsatzes ausmachen). Man kann bei Amazon längst Bohrmaschinen, Spülmittel, Schuhe bestellen. Oder auch einen Satz „Hand- und Fußgelenkfessel 4-teilig, soft gepolstert, mit Klettverschlüssen individuell verstellbar“, für sensationelle 14,32 Euro. Die eigentliche Stärke von Amazon ist aber die Logistik. „Fulfillment Center“ nennt Amazon seine Wunscherfüllungszentren. In Amerika liefern sie sogar frische Lebensmittel aus - und längst plant die Firma, Dinge zu verschicken, bevor sie überhaupt bestellt worden sind. Auch Expresslieferungen mit Drohnen sind in Planung.

          Insofern ist es paradox, dass Amazons Erfolgsgeschichte ausgerechnet mit Büchern begann, mit einem Produkt also, das zumindest in Deutschland schon über ein hervorragendes Vertriebssystem verfügte. Genau das ist aber auch die Chance für den Buchhandel: Als One-Click-Warenhaus, das alle Wünsche erfüllen kann, ist Amazon konkurrenzlos. Aber Bücher verkaufen, das könnten andere im Prinzip genauso gut.

          Welche Alternativen gibt es denn?

          Amazons Lieferservice ist mittlerweile nicht mehr ganz so konkurrenzlos. Die meisten Onlineportale, auch die großen deutschen Buchhändler wie Thalia und Hugendubel, versenden ihre Waren jetzt kostenlos. Die süddeutsche Buchhandelskette Osiander liefert Onlinebestellungen innerhalb eines Tages per Fahrradkurier aus: CO2-neutral und portofrei. Wer den Internetriesen aufgrund moralischer Bedenken meiden möchte, kann seine Bücher zum gleichen Preis bei Buch7.de, Ecobookstore.de oder Fairbuch.de bestellen und leistet damit einen Beitrag für die Umwelt und für faire Arbeitsbedingungen.

          Der Nachteil ist: Das Sortiment an Backlist- und fremdsprachigen Titeln ist bei weitem nicht so groß. Gleiches gilt im E-Book-Segment. Hier gibt es zwar Portale wie Buecher.de und Ebook.de - keines kommt aber an Amazons Kindle-Shop mit seinen 2,5 Millionen Titeln heran. Dafür gehen die deutschen Anbieter diskreter mit ihren Kundendaten um und bieten ihre E-Books im kompatiblen E-Pub-Format an, während Kindle-E-Books nur auf Kindle-Geräten lesbar sind. Nur wer zum Thriller auch noch einen Toaster dazubestellen möchte, landet am Ende doch wieder bei Amazon.

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