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Amazons Lesertracking : Das Ende einer Illusion

E-Books sind geduldig Bild: dapd

Ein amerikanischer Mathematikprofessor hat die Lesemarkierungen bei E-Books ausgewertet und herausgefunden, welche Bücher wirklich zu Ende gelesen werden. Sein „Hawking-Index“ überrascht.

          Die berühmteste Frage von Möbelpackern an Bücherbesitzer lautet: „Haben Sie die alle gelesen?“ Früher verriet allenfalls ein Band mit unaufgeschnittenen Seiten, dass man nicht die ganze Wahrheit sagte, wenn man vorgab, die Regale durchgearbeitet zu haben. Das digitale Buch mag den Möbelpackern nun weniger zu schleppen geben, macht es aber leichter, denen auf die Schliche zu kommen, die sich ihrer Lesekapazität rühmen und sich möglicherweise mit Hilfsmitteln durchmogeln, wie etwa mit Pierre Bayards Ratgeber „Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat“. Denn Amazon als größter Anbieter von elektronischen Lesegeräten hält, wie in den meist auch nicht gelesenen Nutzungsbedingungen mitgeteilt, „Informationen zu den digitalen Inhalten auf Ihrem Kindle und anderen Geräten sowie zur Nutzung der digitalen Inhalte durch Sie bereit (z. B. zuletzt gelesene Seite und Archivierung von Inhalten, Anmerkungen, Lesezeichen, Notizen, Markierungen oder ähnliche Kennzeichnungen, die Sie mit Ihrem Gerät oder Ihrer Lese-App vornehmen“).

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Das Unternehmen macht keinen Hehl daraus, dass es dem Leser nicht nur über die Schulter schaut, sondern die dadurch gewonnenen Daten auch verwertet. So werden beispielsweise auf der englischsprachigen Website des Konzerns die beliebtesten Markierungen in E-Books veröffentlicht. Für jedes dieser Bücher gibt Amazon außerdem die fünf am häufigsten elektronisch gekennzeichneten Passagen preis. Der amerikanische Mathematikprofessor Jordan Ellenberg hat sich jetzt den Spaß gemacht, anhand dieser allgemein zugänglichen Informationen zu berechnen, wie viele der bei Amazon meistgekauften Bücher nicht zu Ende gelesen werden.

          2,4 Prozent für den Ökonom

          Seine Kalkulation beruht auf der Hypothese, dass Markierungen über das ganze Buch gestreut sein sollten, wenn der Leser bis zum Schluss durchgehalten hat. Ellenberg nennt seine Methode, die Seitenzahlen der fünf gekennzeichneten Passagen eines Buches zu addieren, den Durchschnitt zu ermitteln und diesen durch die Seitenzahl des ganzen Buches zu dividieren, den „Hawking-Index“, nach der Behauptung, dass Stephen Hawkings Bestseller „Eine kurze Geschichte der Zeit“ das am wenigsten gelesene Erfolgsbuch sei. Nach dieser Methode hat Ellenberg ermittelt, dass die Leser tatsächlich nur 6,6 Prozent von Hawkings Buch lesen. Damit liegt der Physiker aber noch deutlich vor dem Ökonomen Thomas Piketty, in dessen vieldiskutiertem Erfolgsbuch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ die letzte überhaupt markierte Stelle auf Seite 26 - das entspricht 2,4 Prozent des Buchumfangs - zu finden ist. Ganz anders verhält es sich mit Donna Tartt, deren auf Englisch immerhin 784 Seiten umfassender Roman „Der Distelfink“ zu 98,5 Prozent gelesen wird.

          Auf der von der amerikanischen Autorin Suzanne Collins beherrschten Liste der am häufigsten markierten Stellen steht ziemlich weit oben ein Zitat aus einer Sherlock-Holmes-Geschichte von Arthur Conan Doyle, wonach es ein Kapitalfehler sei, zu theoretisieren, bevor man Daten besitze, weil man die Tatsachen biege, um sie den Thesen anzupassen, statt umgekehrt. Ellenbergs spielerische Untersuchung beruht, wie er selbst zugibt, auf einer höchst unwissenschaftlichen Methode. Sie diene nur der Unterhaltung. Amazon aber ist im Besitz der Daten. Dort wird Ernst gemacht mit dem Geschäft der Unterhaltung.

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