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Amazon : Vorwärts in die totalitäre E-Welt

Frisch und frech geht Amazon die Monopolisierung des Internethandels an. Bücher sind nur ein Teil der Angebotspalette, dienen als Experimentierfeld. Bild: REUTERS

Der Zugriff aufs Zukunftsgeschäft erfolgt jetzt: Nicht nur in Amerika, auch in Deutschland setzt Amazon einen Verlagskonzern erheblich unter Druck. Vordergründig geht es um E-Books, tatsächlich um alles.

          Es geht bei diesem Streit um mehr als um Bücher, es geht um die Zukunft. Derzeit werden von Internetkonzernen die Weichen gestellt für die lückenlose elektronische Registrierung und natürlich auch Kommerzialisierung unserer Überzeugungen und Präferenzen. Auf dem Weg zum Netz-Monopolisten ist neben Google am weitesten Amazon vorangekommen.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Das als Suchdienst gestartete Unternehmen Google kümmert sich um die vollständige Organisation und Vermarktung von Daten, der als Buchhändler gegründete Amazon-Konzern hat flankierend ein Warengeschäft im Auge, das längst nicht mehr nur den eigentlichen Verkauf, sondern auch die Produktion von Gütern umfasst.

          Kartellrecht aus dem Industriezeitalter

          Der Buchmarkt bleibt aber dabei für ihn das entscheidende Experimentierfeld. Kaum hatte diese Zeitung gestern über den amerikanischen Streit zwischen Amazon und dem Hachette-Verlagskonzern berichtet, bei dem der Internet-Versender dadurch Druck ausübt, dass er Bücher der Hachette-Verlage nur verzögert bestellt und ausliefert, da wurde bekannt, dass auch in Deutschland gegenwärtig solch ein Konflikt ausgetragen wird. Hier hat sich Amazon auf den schwedischen Bonnier-Konzern eingeschossen, zu dem bekannte deutsche Verlage wie Piper, Berlin, Ullstein und Carlsen gehören. Auf den ersten Blick ist alles simpel: Amazon möchte höhere Rabatte bei E-Books durchsetzen; es geht um einen Nachlass von vierzig bis fünfzig Prozent auf den Verkaufspreis, während bislang seitens Bonniers nur dreißig Prozent eingeräumt wurden.

          Dabei kämpft Amazon jedoch mit ähnlichen Mitteln wie in den Vereinigten Staaten gegen Hachette: Konkret ist Bonnier seit Beginn des Monats aufgefallen, dass etliche Titel aus den Backlists seiner Verlage nur noch mit langen Lieferfristen bei Amazon angeboten werden, obwohl alle diese Bücher jederzeit verfügbar wären. Warum schadet sich Amazon selbst, das doch befürchten müsste, Kunden an andere Anbieter zu verlieren? Auf Anfrage Bonniers habe Amazon aber erklärt, dass die langen Lieferfristen in Zusammenhang mit den E-Book-Verhandlungen stünden, erklärte die Ullstein-Verlegerin Siv Bublitz auf Anfrage dieser Zeitung. Sie betont aber auch: „Wir bei Bonnier fahren derzeit betreffs unserer Auseinandersetzung mit Amazon keine offensive Strategie in der Öffentlichkeit.“

          Grund dafür ist, dass Bonnier den Kontakt zu anderen Verlagen scheut, um der Falle zu entgehen, in die Amazons Geschäftspartner in den Vereinigten Staaten getappt sind. Stimmen Verlage nämlich ihre Abwehrmaßnahmen gegenüber Amazons Forderungen aufeinander ab, drohen kartellrechtliche Verfahren. Siv Bublitz bestätigt diese Befürchtung für ihren Konzern und fragt sich zugleich, ob ein Kartellrecht aus dem Industriezeitalter unter den Bedingungen der elektronischen Ära noch berechtigt sei.

          Gier ist nicht mit Appeasement-Politik zu bekämpfen

          Amazon selbst verweigerte gestern jede Auskunft über „individuelle Verhandlungen mit Vertragspartnern“. So ist auch unklar, ob die Auseinandersetzung mit Bonnier noch ein Einzelfall in Deutschland ist. Andere einheimische Verlage, die zu den anderen großen Buchkonzernen Holtzbrinck, RandomHouse und Ganske gehören, erklärten aber auf Nachfrage, von Amazon bislang nicht mit solchen Forderungen konfrontiert worden zu sein. Das aggressive Vorgehen gegen Bonnier lässt jedoch aus Sicht des Literaturagenten Matthias Landwehr, der etliche Klienten an die betroffenen Verlage vermittelt hat, Amazons Hoffnung auf einen Domino-Effekt vermuten: „Wenn Bonnier fällt, dann fallen auch die anderen Verlage, große wie kleine.“ Dass just das E-Book-Geschäft Auslöser ist, überrascht Landwehr nicht: „Der Streit um die Rabatte in diesem Segment ist nur vordergründig. Im Hintergrund steht das Ziel, das E-Book-Geschäft der Buchverlage zu zerstören, es allein zu betreiben und dann den Autoren die Bedingungen zu diktieren.“

          Ein Rechenbeispiel macht das klar: An den E-Book-Erlösen klassischer Verlage sind Autoren meist mit 25 Prozent beteiligt. Grundlage für diesen Anteil ist aber im Unterschied zum traditionellen Buch der Nettoverkaufserlös, also abzüglich von Rabatten für den Handel. Kann Amazon höhere Margen bei E-Books für sich durchsetzen, bekommen die Autoren weniger Geld. Also wird es attraktiver für sie, zu Amazon zu wechseln, das sich zum größten E-Book-Verlag entwickelt hat und bessere Tantiemen anbietet, weil Produktions- und Absatzwege in einer Hand liegen. Es waren just solche vertikalen Konzentrationen, die in Amerika die Anti-Trust-Gesetze ausgelöst haben. Man müsste sie aber wieder konsequent anwenden.

          Die Verlage haben aber nicht nur vor Amazon Angst, sondern auch vor ihren Autoren. Für die meisten ist das Verkaufsranking bei Amazon der entscheidende Hinweis auf ihren Erfolg oder Misserfolg. Behinderungen auf diesem Absatzweg sind unmittelbar sichtbar, entsprechend mehrten sich bereits bei den Bonnier-Verlagen besorgte Nachfragen, auf die sie mittlerweile durch eine interne Stellungnahme reagiert haben, die als Grundlage für Gespräche mit Autoren und deren Agenten dienen soll, um diesen zu erklären, was sich gegenwärtig hinter den Kulissen abspielt, und Abwanderungsgelüsten entgegenzutreten. „Manche Autoren mögen dem einschläfernden Flötenspiel von Amazon erliegen“, sagt Landwehr, der seine Klienten genau davor warnt. „Aufwachen werden sie in einer totalitären Welt, die auch literarisch anders sein wird als die von uns allen gewünschte.“ Denn ein Monopolist werde auch inhaltliche Forderungen an die Autoren in größerer Intensität stellen.

          Die Strategie Amazons gegenüber den Bonnier-Verlagen zeigt, dass hier der Zugriff aufs Zukunftsgeschäft erfolgen soll. Noch werden Bonnier-Bücher in Deutschland nicht mit derselben Hartnäckigkeit benachteiligt wie in Amerika die von Hachette - die Lieferung von Neuerscheinungen und Bestsellern wurde bislang offenbar bewusst nicht verzögert, weil das auffällig wäre. Denn noch hoffte Amazon erkennbar auf ein Einknicken der Verlagsgruppe, ohne dass der Konflikt ruchbar geworden wäre, also durch gleichsam subkutanes Vorgehen. Matthias Landwehr warnt davor: Gier könne nicht mit Appeasement-Politik bekämpft werden.

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