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Amazon : Vorwärts in die totalitäre E-Welt

Gier ist nicht mit Appeasement-Politik zu bekämpfen

Amazon selbst verweigerte gestern jede Auskunft über „individuelle Verhandlungen mit Vertragspartnern“. So ist auch unklar, ob die Auseinandersetzung mit Bonnier noch ein Einzelfall in Deutschland ist. Andere einheimische Verlage, die zu den anderen großen Buchkonzernen Holtzbrinck, RandomHouse und Ganske gehören, erklärten aber auf Nachfrage, von Amazon bislang nicht mit solchen Forderungen konfrontiert worden zu sein. Das aggressive Vorgehen gegen Bonnier lässt jedoch aus Sicht des Literaturagenten Matthias Landwehr, der etliche Klienten an die betroffenen Verlage vermittelt hat, Amazons Hoffnung auf einen Domino-Effekt vermuten: „Wenn Bonnier fällt, dann fallen auch die anderen Verlage, große wie kleine.“ Dass just das E-Book-Geschäft Auslöser ist, überrascht Landwehr nicht: „Der Streit um die Rabatte in diesem Segment ist nur vordergründig. Im Hintergrund steht das Ziel, das E-Book-Geschäft der Buchverlage zu zerstören, es allein zu betreiben und dann den Autoren die Bedingungen zu diktieren.“

Ein Rechenbeispiel macht das klar: An den E-Book-Erlösen klassischer Verlage sind Autoren meist mit 25 Prozent beteiligt. Grundlage für diesen Anteil ist aber im Unterschied zum traditionellen Buch der Nettoverkaufserlös, also abzüglich von Rabatten für den Handel. Kann Amazon höhere Margen bei E-Books für sich durchsetzen, bekommen die Autoren weniger Geld. Also wird es attraktiver für sie, zu Amazon zu wechseln, das sich zum größten E-Book-Verlag entwickelt hat und bessere Tantiemen anbietet, weil Produktions- und Absatzwege in einer Hand liegen. Es waren just solche vertikalen Konzentrationen, die in Amerika die Anti-Trust-Gesetze ausgelöst haben. Man müsste sie aber wieder konsequent anwenden.

Die Verlage haben aber nicht nur vor Amazon Angst, sondern auch vor ihren Autoren. Für die meisten ist das Verkaufsranking bei Amazon der entscheidende Hinweis auf ihren Erfolg oder Misserfolg. Behinderungen auf diesem Absatzweg sind unmittelbar sichtbar, entsprechend mehrten sich bereits bei den Bonnier-Verlagen besorgte Nachfragen, auf die sie mittlerweile durch eine interne Stellungnahme reagiert haben, die als Grundlage für Gespräche mit Autoren und deren Agenten dienen soll, um diesen zu erklären, was sich gegenwärtig hinter den Kulissen abspielt, und Abwanderungsgelüsten entgegenzutreten. „Manche Autoren mögen dem einschläfernden Flötenspiel von Amazon erliegen“, sagt Landwehr, der seine Klienten genau davor warnt. „Aufwachen werden sie in einer totalitären Welt, die auch literarisch anders sein wird als die von uns allen gewünschte.“ Denn ein Monopolist werde auch inhaltliche Forderungen an die Autoren in größerer Intensität stellen.

Die Strategie Amazons gegenüber den Bonnier-Verlagen zeigt, dass hier der Zugriff aufs Zukunftsgeschäft erfolgen soll. Noch werden Bonnier-Bücher in Deutschland nicht mit derselben Hartnäckigkeit benachteiligt wie in Amerika die von Hachette - die Lieferung von Neuerscheinungen und Bestsellern wurde bislang offenbar bewusst nicht verzögert, weil das auffällig wäre. Denn noch hoffte Amazon erkennbar auf ein Einknicken der Verlagsgruppe, ohne dass der Konflikt ruchbar geworden wäre, also durch gleichsam subkutanes Vorgehen. Matthias Landwehr warnt davor: Gier könne nicht mit Appeasement-Politik bekämpft werden.

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