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Amazons Literaturpreis : Funding? Unding!

  • -Aktualisiert am

Man kann aus allem eine Castingshow machen, wenn das Preisgeld stimmt – und der Sieger am Schluss im Gold-Konfetti-Regen steht. Bild: dpa

30.000 Euro für 180 Seiten Genre-Literatur: Amazon schreibt einen Buchpreis aus. Ein Beispiel, wie wunderbar sich das Castingshow-Prinzip auf den Lesemarkt und den Wissenschaftsbetrieb übertragen lässt.

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          Der kurz vor der Anerkennung als gemeinnützige Einrichtung stehende Online-Krämer Amazon hat einen Literaturpreis für den Samisdat (zu Deutsch: „Self-Publishing“) gestiftet, bei dem zunächst die Laufkundschaft und dann eine Jury, an der drei Krimiprofis teilnehmen, 30.000 Euro springen lassen – für einen auf dem Lesespielzeug Kindle publizierten Text, den kein Lektorat gesehen, kein Prospekt angekündigt und keine Kritik zerpflückt hat, „ob Liebesroman, Krimi oder Fantasy“, „alle deutschsprachigen, bislang noch unveröffentlichten Texte mit mindestens 180 Seiten“ dürfen teilnehmen.

          Endlich darf sich die wachsende Volksbewegung zugunsten einer Welt, in der das Publikum dauernd da abgeholt wird, wo es gerade rumsteht, weil es die Fähigkeit, sich selbst zu bewegen, längst eingebüßt hat, darüber freuen, dass das Castingshow-Prinzip, dem wir ja schon die schönste und dauerhafteste Musik der letzten zwanzig Jahre verdanken, auch den schwerfälligen Lesemarkt aufrollt.

          Nebenan, in der Wissenschaft, greifen die Händler bereits mit schönen Erfolgen in die Produktion ein – Google fördert die Unsterblichkeitsforschung, Symantec schießt Geld beim britischen „Teen Tech Award“ zu, dessen junge Preisträger unter anderem ein Kondom erfunden haben, das bei Benutzung im Fall des Vorliegens einer ansteckenden venerischen Erkrankung die Farbe wechselt, und Firmen wie InnoCentive sorgen dafür, dass sich über „Challenge Problems“, also Preisausschreiben, bei denen ein wissenschaftliches Problem von Fachkräften bearbeitet wird, bis ein Sieger es löst und alle anderen leer ausgehen, ein System etabliert, das der alten langweiligen Breitenausbildung und Streuung von Förderung insofern weit überlegen ist, als es die Wartezeit des Investors und dessen Nebenkosten radikal zusammenstreicht: nicht mehr Steuern für Schulen und Universitäten, nicht mehr Buchpreisbindung für ein flächendeckendes Leseleben, sondern Bonbons für besonders profitable Forscher und Schreiber, die Männchen machen, Stöckchen holen, Formelchen rechnen und Romänchen schreiben, wie’s die marktbeherrschende Klitsche mit der feistesten Handelsspanne gerade will. Nur das mit der Jury klingt noch ein bisschen staubig – wir sind doch nicht bei irgendeiner Akademie von 1815, gibt’s denn für so was noch kein Computerprogramm?

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

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