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Amazon kauft Goodreads : Eine Firmenhochzeit aus dem Lehrbuch

Die Gründer von Amazons Neuerwerbung goodreads.com: Elizabeth Khuri Chandler und Otis Chandler posieren mit dem Lesegerät des Konzerns Bild: goodreads.com

Warum verkauft Otis Chandler die Buchliebhaberseite Goodreads an den Versandgiganten Amazon? Der Erbe einer Zeitungsverlegerdynastie hat keine romantische Beziehung zur Literatur. Die Fusion ist die Konsequenz aus dem Willen zur Expansion.

          Otis Chandler war 28 Jahre alt, als er im Jahre 2006 Goodreads gründete, eine Internetseite, auf der Leser Buchempfehlungen austauschen können. Am Donnerstag hat er bekanntgegeben, dass er sein Unternehmen an Amazon verkauft. Ungefähr zwei Millionen Dollar haben Investoren in die Firma hineingesteckt, die ständig wachsende Mitgliederzahlen ihrer Lesergemeinde verkünden konnte. Die Verkaufsverhandlungen sind nicht abgeschlossen, der Kaufpreis ist nicht bekannt.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Die Zeitschrift „Business Week“ nimmt eine Größenordnung von einer Milliarde Dollar an. Als Vergleichsgröße dient bei dieser Überschlagsrechnung der Marktwert des Kontaktnetzwerks Linkedin. Dort gibt es 202 Millionen Benutzerkonten, von denen jedes mit einem Wert von 95 Dollar veranschlagt wird. Für Headhunterfirmen ist Linkedin ein unentbehrlicher Fundus, weil Führungskräfte dort ihre Lebensläufe abgelegt haben und ihre Qualifikationen durch Verbindungen zu anderen qualifizierten Berufsmenschen belegen. Dem entsprechen bei Goodreads die Leselisten der Benutzer, die ermuntert werden, ihre gesamte Leserkarriere zu dokumentieren. Sie knüpfen Verbindungen zu Lesern mit denselben Lieblingsbüchern, bilden informelle Zirkel und registrierte Clubs. Für Verlage und Autoren können solche Gemeinschaften höchst effektive Verteiler von Nachrichten über Neuerscheinungen sein.

          Business Week nimmt an, dass der Wert eines einzelnen Kontos bei Goodreads ungefähr in der gleichen Höhe anzusetzen ist wie bei den Social-Media-Giganten Facebook und Twitter. Bei 58 Dollar pro Konto und 16 Millionen Mitgliedern ergibt sich ein Verkaufswert von 928 Millionen. Das „Wall Street Journal“ meldet dagegen unter Berufung auf zwei namenlose Eingeweihte, dass der Kaufpreis bei ungefähr 200 Millionen Dollar liegen werde. Die Diskrepanz belegt den spekulativen Charakter des Geschäfts. Revolutionäre Veränderungen im Leseverhalten schaffen Raum für Gewinnchancen und Fehlkalkulationsrisiken, die schwer zu beziffern sind.

          Kein Buchkritiker, sondern ein Elektrotechniker

          Otis Chandler arbeitete nicht als Buchkritiker für ein alternatives Wochenblatt oder als Bucheinkäufer einer Stadtbibliothek, als er gemeinsam mit seiner heutigen Frau die Idee eines Internetforums für Buchliebhaber entwickelte. Sie besaßen auch kein Antiquariat. Chandler hat in Stanford Elektrotechnik studiert und begann seine Laufbahn als Softwareingenieur bei Tickle.com, einem frühen sozialen Netzwerk, das den aus der Selbsthilfeliteratur vertrauten Eignungstest durch Quizfragen als Gesellschaftsspiel vermarktete. 2004 wurde Tickle von Monster geschluckt, der Stellenanzeigen-Suchmaschine. Chandler wurde übernommen und zum Leiter des Kontaktanzeigengeschäfts von Tickle befördert. Er hat die Gründerzeit der Internetwirtschaft und den großen Crash miterlebt; mit dem Verkauf seiner Servicefirma für Leseratten an das globale Versandhaus erweist er sich nun als Start-up-Unternehmer aus dem Lehrbuch.

          Man möchte vermuten, dass ihm die Fähigkeit zum strategischen Denken schon mit seinem Namen in die Wiege gelegt wurde. Er stammt aus einer Dynastie von Zeitungsverlegern, der mehr als ein Jahrhundert lang die „Los Angeles Times“ gehörte. Wie man mit Lesestoff reich werden kann, lehrt die Geschichte der Familie Chandler – durch Expansion und Konzentration zur rechten Zeit. „Thinking Big“ ist der Titel von Robert Gottliebs klassischer Geschichte der „Los Angeles Times“ von 1977.

          Sein Großvater war Verleger

          Otis Chandler heißt nach seinem Großvater, dem Verleger in der vierten Generation, der die Geschäfte des Blattes von 1960 bis 1980 führte und 2006 verstorben ist. Der Nachruf im „Stanford Magazine“, das sein Enkel auch wegen der Buchkritiken schätzt, begann mit der Feststellung, Otis Chandler habe einen der größten Namen Kaliforniens geerbt und ihn größer gemacht. Die Überschrift bezog sich allerdings auf seinen sportlichen Ehrgeiz, nicht auf seine unternehmerischen Entscheidungen: „Ein Verleger, der nicht genug Konkurrenz bekommen konnte“.

          Sein Sohn Norman, der Vater des jüngeren Otis, übernahm nicht mehr die Geschäftsführung des Verlages, sondern beendete seine Karriere als Leiter der Setzerei. Der Vorname Otis kommt aus der Urzeit des Familienunternehmens. Harry Chandler hatte in Los Angeles eine Vertriebsfirma gegründet, die sich ein Monopol auf das Austragen der Morgenzeitungen verschaffte. Harrison Gray Otis, der Eigentümer der „Los Angeles Daily Times“, stellte den jungen Mann als Geschäftsführer ein und gab ihm seine Tochter zur Frau. So bewahrt also schon der Name Otis Chandler die glückliche Erinnerung an den Synergieeffekt einer Fusion.

          Bestsellerautor Howey wurde durch Goodreads bekannt

          In diesem Sinne ließen Amazon und Goodreads den Starautor Hugh Howey in ihrer Pressemitteilung verkünden: „Ich habe gerade erfahren, dass die beiden Leute, die mir am teuersten sind, heiraten werden. Der beste Ort für die Diskussion von Büchern schließt einen Bund mit dem besten Ort für den Kauf von Büchern.“ Howey darf sich sogar für den „matchmaker“ halten oder jedenfalls für den Freund, der beiden Seiten gezeigt hat, dass sie zusammenpassen. Er veröffentlichte seine Science-Fiction-Geschichte „Wool“ bei Amazon als E-Büchlein für das Amazon-Lesegerät Kindle. Zum Phänomen, aus dem eine Serie von Bestsellern hervorgegangen ist, wurde das Buch dadurch, dass es von Enthusiasten bei Goodreads entdeckt und empfohlen wurde.

          Der Heldenstatus von Autoren außerhalb des klassischen Verlagswesens ist eines der interessantesten Zeichen für die Revolution der Lesewelt. Wer ein Buch im Eigenverlag herausbringt, schaffte es früher nie in die Buchhandlungen. Die Bücher aus den Verlagen, deren Autoren die Produktionskosten tragen, wurden erst recht nicht bestellt. In der Ära der virtuellen Buchkaufhäuser beglaubigt der Erfolg von Autoren wie Howey die Findigkeit von Amateurkritikern.
          Die Umgehung professioneller Türhüter ist ein gemeinsames Interesse von Goodreads und Amazon. Bookish, eine von den großen Buchverlagskonzernen getragene Seite, die vor kurzem, lange angekündigt, den Betrieb aufgenommen hat, macht beiden Partnern Konkurrenz. Hier erhält man Buchempfehlungen, die nicht aus der Geschichte früherer Käufe oder Bewertungen abgeleitet werden, sondern aus den von den Verlagen gelieferten Titelinformationen. Bücher im Selbstverlag werden nicht berücksichtigt.

          Hat ein verlagsloser Autor den Durchbruch geschafft, wird er in den Schaufenstern von Amazon und Goodreads natürlich nach den gleichen Regeln vermarktet, die in den traditionellen Verlagen längst die Ressourcenverteilung bestimmen. Wie Otis Chandler vor einigen Wochen auf einer Branchentagung in New York ausführte, kommt für die Markteinführung eines Titels alles auf die kurze Phase vor dem offiziellen Publikationsdatum an.

          Keine Kampfansage

          Die Buchempfehlungen bei Goodreads waren bislang eine Alternative zum Leserranking bei Amazon. Trotz der vielen hundert kritischen Kommentare, die auf der Goodreads-Seite zur Fusionsnachricht publiziert worden sind, darf man aber annehmen, dass für die Mehrzahl der Benutzer der Distinktionsgewinn, den sie aus dem Gefühl beziehen können, an einem Gegenunternehmen zu Amazon mitzuarbeiten, nicht besonders wichtig ist. Das große Geschäft machen beide Unternehmen mit Genreliteratur, deren Konsumenten sich mit dem an Kulturkritik interessierten Publikum kaum überschneiden dürften.

          Es ist bezeichnend, dass Chandler in der Selbstdarstellung seiner Firma auf die Kampfansagen verzichtet hat, die zur Folklore von Platzverteilungskämpfen in der Internetwirtschaft gehören. Er hat sich nicht als Ritter in Szene gesetzt, der die Leserin aus den Fängen des Amazon-Drachen befreien will. Auffällig dürftig fiel vor zwei Jahren seine Erklärung aus, warum das Empfehlungssystem von Goodreads dem von Amazon überlegen sei: Bei Amazon bringe ein als Geschenk gekauftes Kinderbuch die Rangfolge der persönlichen Wichtigkeit durcheinander.

          Vor einem Jahr gab Goodreads bekannt, dass man von Amazon nicht mehr die Basisdaten über Seitenzahl, Verkaufspreis und Erscheinungsdatum der besprochenen Bücher beziehen werde. Man wolle sich der von Amazon gestellten Bedingung nicht beugen, dass es keine Links zu anderen Bezugsquellen geben dürfe. Damals sagte Chandler: „Wir wollen ein offener Ort sein, von dem aus Leser bei allen Verkäufern ihrer Wahl Bücher kaufen können, online und offline.“ Nach der Verkaufsentscheidung drückte er sich jetzt in einem Interview mit Laura Hazard Owen von der Seite Paid Content äußerst gewunden aus. Wird es weiter Links zu Barnes and Noble und anderen Amazon-Konkurrenten geben? „Was das spezifische Design der Links angeht, müssen wir abwarten. Wir sehen das wirklich aus der Benutzerperspektive. Wenn die Nutzer wirklich diese Links haben wollen, dann wird es diese Links wahrscheinlich weiter geben.“
          Die Tribune Company, die im Jahre 2000 der Familie Chandler den Times-Mirror-Konzern abkaufte, sucht einen Käufer für die „Los Angeles Times“.

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