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Amazon : Der Algorithmus will Verleger werden

Sieht so der Großverlag der Zukunft aus? Entwürfe für Amazons neue Firmenzentrale in Seattle, Washington Bild: REUTERS

Durch Amazons Ankündigung, in die deutsche Verlagsbranche einzusteigen, entsteht ein Unternehmen, das alles über die Gewohnheiten seiner Leser weiß. Stehen wir am Vorabend der berechneten Literatur?

          Kein Mensch außer Jeff Bezos hätte am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts daran geglaubt, dass sich die Welt ausgerechnet von einem Buchladen aus erobern lassen würde. Als er im Jahr 1995, da war Bezos noch weitgehend unbekannt, auf der amerikanischen Buchmesse in Chikago gefragt wurde, warum er ausgerechnet ins Buchgeschäft einsteigen wolle, soll er geantwortet haben, eine Buchhandlung sei nun einmal ein guter Ort, um möglichst viele Daten von zahlungskräftigen und gebildeten Konsumenten zu sammeln.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Kein Buchhändler, kein Verleger und kein Schriftsteller dürften damals verstanden haben, wovon Bezos in Wirklichkeit redete. Und fast könnte man meinen, das sei heute noch immer nicht sehr viel anders.

          Am Mittwoch hat Amazon bekanntgegeben, dass der größte Buchhändler der Welt jetzt auch in Deutschland zum Verlag werden will: Zwölf Autoren sind bereits unter Vertrag, die Bücher erscheinen noch in diesem Frühjahr.

          Er weiß, was Kunden wollen: Mit diesen Kenntnissen will Amazon-Chef Jeff Bezos nun auch Autoren gewinnen

          Am Donnerstag, an dem ersten Tag der Leipziger Buchmesse, waren die Reaktionen der versammelten Buchbranche erstaunlich einsilbig. Viele Bewohner der Buchwelt hatten von der Ankündigung noch gar nichts mitbekommen.

          Amazon, der Buchhändler, ist seit vielen Jahren geschmäht, gefürchtet und verhasst: als übermächtiger Konkurrent des stationären Buchhandels wie als knüppelharter, alle Konditionen unbarmherzig diktierender Geschäftspartner der Verleger.

          Amazon, der Verlag, wird hingegen offenbar gar nicht richtig ernst genommen. Das ist seltsam. Eine Branche, die seit Jahren bei jeder Gelegenheit darüber klagt, wie wehrlos sie im Klammergriff des Internethändlers nach Luft japse, zuckt nun, da der große Gegner eine neue Initiative ankündigt, nur hilflos mit den Schultern.

          Erobert Amazon nach den Käufern auch die Autoren?

          Helge Malchow, Chef von Kiepenheuer und Witsch, sagt: „In einiger Zeit wird Amazon mit seinem Verlag in Deutschland dieselben Erfahrungen machen wie schon in Amerika: dass Bücherverlegen etwas ganz anderes ist, als Bücher zu verkaufen. Büchermachen ist eine kostspielige und sehr komplizierte Spezialistenangelegenheit.“

          Sein Kollege Wolfgang Ferchl, Verleger des Knaus Verlags, gibt sich mit Blick auf seinen auflagenstarken Autor Walter Moers selbstbewusst: „Angesichts der persönlichen Beziehungen zum Autor und zu dem Gesamtpaket, das wir Moers beim Marketing bieten können, sind wir Amazon überlegen. Jetzt kommen wieder die ganz klassischen Verlegerwerte zum Zug.“

          Thedel von Wallmoden, Eigentümer des Wallstein Verlags, ist skeptischer: „Wir sind als Verleger auf der Suche nach zwei Seiten: nach Buchkäufern und nach Buchautoren. Amazon hat die erste Seite weitgehend erschlossen, jetzt kommt die zweite dran.“

          Was aber heißt das, wenn nun „die zweite Seite“ drankommt? Nach allen bisherigen Erfahrungen mit der digitalen Welt könnte ein solches Szenario nur noch einen Klick entfernt sein. Man sollte sich besser heute als morgen fragen, was es bedeuten würde, wenn Amazon als Verlag dieselbe Marktmacht aufbauen könnte, über die es als Buchhändler längst verfügt.

          George Packer hat diese Frage vor wenigen Wochen in einem großen Essay im „New Yorker“ mit Blick auf amerikanische Verhältnisse bereits beantwortet: „Es würde Amazon mehr Kontrolle über den Austausch von Ideen und Gedanken verleihen, als je zuvor irgendein ein Unternehmen in der Geschichte Amerikas besessen hat.“

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