https://www.faz.net/-gqz-a673s

Literarische Reportagen : Als diese Frauen sich das Schreiben eroberten

  • -Aktualisiert am

Bleilettern aus der analogen Zeitungsära Bild: Picture-Alliance

Literarische Reportage als Steigbügelhalter berühmter Schriftstellerinnen: Endlich kann man wieder Texte von Milena Jesenská, Gabriele Tergit und Helen Wolff lesen.

          7 Min.

          Joseph Roth, der 1926 als Berliner Kulturkorrespondent der „Frankfurter Zeitung“ arbeitete, schrieb an seinen damaligen Ressortleiter Benno Reifenberg: „Die moderne Zeitung braucht Reporter nötiger als Leitartikler.“ Roth war einer jener Autoren, die nach dem Ersten Weltkrieg im Grenzbereich von Literatur und Journalismus eine moderne Schreibhaltung einzunehmen versuchten und diese dann auch lauthals verteidigten. „Ich bin nicht eine Zugabe, eine Mehlspeise, sondern reine Hauptmahlzeit“, verkündete er selbstbewusst. Doch was genau meinte der Autor weltberühmter Erzählungen und Romane damit?

          Es war die Geburtsstunde des politischen Feuilletons aus dem Geist der Literatur. Oder auch die Geburt der Literatur aus dem Geist der Reportage. So in etwa lautet jedenfalls die These des Literaturwissenschaftlers Jörg Später, der sich den „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ nach dem Ersten Weltkrieg anhand exemplarischer Intellektuellenbiographien der zwanziger Jahre angeschaut hat. Daraus ist vor ein paar Jahren eine hervorragende Biographie Siegfried Kracauers entstanden. Ernst Bloch, heißt es darin, wollte im Medium der Zeitung „Philosophie in Revueform“ betreiben. Siegfried Kracauer darf zusammen mit Walter Benjamin als Virtuose dieses Anspruchs gelten. „Ich zeichne das Gesicht der Zeit“, verkündete Kracauer. Die Straße, das Verbrechen, die Vergnügungsindustrie: All das waren jetzt Feuilletonthemen neben dem gediegenen Rezensionsgeschäft alter Schule.

          In diesem Sinne schrieb Kracauer nicht nur mit Hingabe über neue Filme, sondern auch über die Tanzkompanie der Tiller Girls, deren synchronisierte Choreographie er mit den Bewegungen von Fabrikarbeitern verglich. Und er war Berichterstatter beim berühmten Angerstein-Prozess, der den Zeitgenossen damals Rätsel aufgab. Hatte ein tadelloser Bürger doch seine Frau und sieben weitere Personen seines Haushalts mit dem Hirschfänger ermordet. Neben dem Fall Fritz Haarmann, der in Hannover mehr als zwanzig Jungen zerstückelt hatte, wird das Verbrechen Angersteins zum paradigmatischen Kriminalfall der Weimarer Republik. Anders als Haarmanns Taten, offensichtlich von einer denaturierten Seele verübt, bleibt das Wüten Angersteins unverstanden. Er selbst gab später an, weder sich selbst zu kennen noch von den Menschen erkannt worden zu sein. Die Mordserie war eine „Tat ohne Täter“, wie Kracauer in seinem Prozessbericht schrieb.

          Die Zeitung wurde Forum bürgerlicher Selbstverständigung

          Gesellschaft war mit den neuen politischen Verhältnissen in den ehemaligen Monarchien Österreich-Ungarn und Preußen zum Steinbruch für ästhetische, politische und moralische Reflexionen geworden. Und die soziale Frage wurde auch immer drängender im literarischen Themenkosmos. Sie wurde jetzt häufiger und unmittelbarer gestellt. Und zwar im Duktus einer Neuen Sachlichkeit. Die Zeitung blieb dabei ein wichtiges Vehikel und wurde zum Forum der bürgerlichen Selbstverständigung. Vor allem für jene Gruppen, die bislang ausgeschlossen waren von der gesellschaftlichen Teilhabe: die Juden und die Frauen.

          In den zwanziger Jahren gab es mehr als tausend Verlage in Berlin, darunter viele von Juden geführt, weswegen Hitler hasserfüllt von der „Judenpresse“ schwadronierte. Die meisten Autoren der Weimarer Republik, ob jüdisch oder nicht, publizierten in der Tages- und Wochenpresse. Sogar eine Frauenzeitschrift wie das 1912 gegründete Ullstein-Blatt „Die Dame“ zog philosophische Literaten mit Platz für kulturtheoretische Aufsätze an. Vicki Baum, Stefan Zweig und Walter Benjamin erschienen zwischen Enthaarungsmittelwerbung, Society-Fotografie, Schnittmustern und progressiven Texten über den Zusammenhang von Bubikopf und Frauenemanzipation.

          Apropos Frauenemanzipation: Die publizistische Sphäre der Weimarer Jahre war für fast alle heute noch bekannten Autorinnen ein Einstiegswinkel in die Männerdomäne der Schriftstellerei. Erika Mann beherrschte das wendige Genre des tagesaktuellen Essayismus am besten. Anders als ihr Vater Thomas oder der Onkel Heinrich entschied sie sich für das schnellere Schreibgeschäft. Es war nicht ihr Ehrgeiz, Dinge für die Ewigkeit zu schaffen.

          Enorme Wirkkraft des literarischen Journalismus

          Von der enormen Wirkkraft des literarischen Journalismus kann man sich aktuell wieder anhand von drei Beispielen überzeugen. Im Schöffling Verlag sind Gabriele Tergits gesammelte Gerichtsreportagen „Vom Frühling und von der Einsamkeit“ erschienen. Bei Wallstein erscheinen jetzt Milena Jesenskás Elendsberichte aus dem Wien der Inflationsjahre und andere Sozialreportagen unter dem Titel „Prager Hinterhöfe im Frühling“. Schließlich hat der Weidle Verlag gerade erst mit einem Roman über die Selbstfindung einer jungen Frau einen kleinen Scoop produziert. Geschrieben hat ihn Helen Wolff. Die berühmte Exilverlegerin, 1994 hochbetagt in New Hampshire verstorben, hatte bestimmt, dass ihre literarischen Versuche nach ihrem Tod verbrannt werden sollten. Wolffs Nichte Marion Detjen hat den „Hintergrund für Liebe“ dann aber gerettet und kommentiert.

          Helen Wolff
          Helen Wolff : Bild: privat

          Wer Helen Wolffs Lebensgeschichte kennt, kann diesen Text nur autobiographisch lesen. Es ist ihre Liebesgeschichte mit dem um viele Jahre älteren Verleger Kurt Wolff, und es ist ihre eigene Geschlechterfrage, die sie darin aufwirft. Per Inhalt und per Form. Marion Detjen stellt im Nachwort die These auf, der neusachliche Literaturgeschmack der zwanziger Jahre sei für viele Autorinnen bahnbrechend gewesen. Plötzlich war es nämlich möglich, ungestraft autobiographisch zu schreiben. Mehr noch, man war damit satisfaktionsfähig. Ihrem Bruder gestand Helen Wolff einmal freimütig: „Ja, ich versteh, mit absoluten Maßstäben, an Sophokles u. Shakespeare gemessen, bin ich ein windiges kleines Nichts. Aber schließlich, Georg, spiegle ich unsere Zeit – und wenn es nur meine eigene ist.“

          „Ich zeichne das Gesicht der Zeit“ hatte Siegfried Kracauer als Losung seines Feuilletonismus ausgegeben. „Alles ist Leben“ hieß bezeichnenderweise eine erste literarische Reportagensammlung von Milena Jesenská, erschienen in den achtziger Jahren. In diesem Bücherherbst erreicht sie uns endlich in erweiterter Form und unter neuem Titel.

          Milena Jesenská war eine Geliebte und später enge Vertraute Kafkas. Sie hat sein Werk als Erste ins Tschechische übersetzt. Kafka hatte ihr Talent andererseits richtig eingeschätzt, indem er von ihren Feuilletons als „Prosastücken“ sprach. Bevor Milena Jesenská 1939 wegen Aktivitäten im tschechoslowakischen Widerstand deportiert worden war und fünf Jahre später in Ravensbrück starb, verfasste sie um die tausend Reportagen für fünfundzwanzig verschiedene tschechische Zeitungen. In ihnen zeigt sich eine Frau mit politisch stabilen Ansichten und einer endlosen Empathie für all jene, die zwischen der Katastrophe des Ersten Weltkriegs und dem Hitlerismus unter die Räder gekommen waren.

          Erschütternde Dokumente der Not

          Jesenská hatte gegen familiäre Widerstände den jüdischen Bohemien Ernst Pollak geheiratet und mit ihm im Wien der Inflationsjahre gelebt. Dort verfasste sie erschütternde Dokumente der Not. „Das bitterste und schwerste Los“, schreibt sie, „haben die noch nicht erwachsenen, vor der Zeit gealterten kleinen Bürger. Längst sind sie keine Kinder mehr. Waren es nie. Vielleicht ein paar tausend Kinder aus reichen Familien, die in den Parks auftauchen, sorgfältig gekämmt, mit reizenden Kleidchen und neuen Bällen, Reifen und Strohkörbchen, in Begleitung französischer Fräuleins – mit den ersten Frühlingssonnenstrahlen, gleichzeitig mit den neuen Tulpen- und Hyazinthenbeeten – die konnten sich ihre Kindheit bewahren, auch unter dem Schicksal dieser unglücklichen Stadt. Aber die Kinder der Vorstädte tragen ab ihrem fünften Lebensjahr alle Sorgen der Mütter und Väter im Kopf mit derselben zermalmenden, gewichtigen Last und Verantwortung; sie haben sich daran gewöhnt, unendliche Stunden in langen Schlangen vor dem Krämer zu stehen, bei Regen, Frost, Hitze, unausgeschlafen, seit drei Uhr morgens, todmüde oft, bis spät in den Abend.“

          Mehr als Kafkas Geliebte: Milena Jesenska (1896-1944)
          Mehr als Kafkas Geliebte: Milena Jesenska (1896-1944) : Bild: © LEEMAGE / images.de

          Ob die Jesenská über das „kleine kränkliche Völkchen“ der Kinder auf den Straßen Wiens schreibt, über die Not der ersten jüdischen Flüchtlinge in Prag oder voller Menschlichkeit über die schwelende Sudetenfrage: Die Neuübersetzungen von Kristina Kallert zeigen uns Nachgeborenen eine verstörte und verstörende Welt. Warum aus Jesenská und Kafka übrigens nichts geworden ist, steht in einem Brief an Max Brodt: „Sie ist ein lebendiges Feuer, wie ich es noch nie gesehen habe, ein Feuer übrigens, das trotz allem nur für ihn (= Ernst Pollak) brennt.“

          Spektakulär ist auch ein weiterer Reportageband, der jetzt im Rahmen einer Werkausgabe erschienen ist. Gabriele Tergit ist uns in den letzten Jahren wieder als Schöpferin großer Lebensweltromane aus dem großbürgerlichen jüdischen Berlin zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus näher gerückt. In den Fünfzigern wollte man sich nicht mehr mit der ausgelöschten Kultur ihrer Romane auseinandersetzen. Tergit lebte deswegen unauffällig in London, ging dort einer Lohnarbeit nach und geriet als Autorin großer Gesellschaftsromane wie den „Effingers“ in Vergessenheit. Der jetzt publizierte Reportageband verrät, in welche Schule Gabriele Tergit gegangen ist. Vom „Berliner Tageblatt“ war sie 1924 als Gerichtsreporterin eingesetzt worden. Paul Schlesinger hatte das Genre zeittypisch geprägt, indem er das Menschlich-Exemplarische hinter den Fällen sah. Diese Sichtweise hatte Tergit übernommen und sie zu einer geradezu pointillistischen Berichterstattung verfeinert.

          Sie wagte nicht, mit dem Papier zu rascheln

          1925 sei sie neben den Angeklagten und den Putzfrauen die einzige Frau im Gericht gewesen, schreibt sie in ihren Erinnerungen. Tergit wagte es nicht, mit dem Papier zu rascheln. Nur den entscheidenden Satz der Verhandlung schrieb sie auf. Wir lesen so in aller Knappheit vom Schicksal gefallener Engel, die sich wegen Abtreibung verantworten müssen. Oder von der Kuppelei angeklagter Mütter, die die „Verhältnisse“ ihrer Töchter toleriert hatten. „Hält das Gesetz noch Schritt mit dem Leben?“, fragt Tergit, die in der Sexualreformbewegung engagiert war.

          Gabriele Tergit (1894-1982), eigentlich Elise Reifenberg geb. Hirschmann in den 1920er Jahren. Ein weiteres Pseudonym ist Christian Thomasius.
          Gabriele Tergit (1894-1982), eigentlich Elise Reifenberg geb. Hirschmann in den 1920er Jahren. Ein weiteres Pseudonym ist Christian Thomasius. : Bild: INTERFOTO

          Sowohl Milena Jesenská in Wien und Prag als auch Gabriele Tergit in Berlin haben die Achtundsechziger-Parole vom Privaten, das politisch sei, in ihrem Reportagewerk vorweggenommen. Sie entwickelten sich in der Zwischenkriegszeit zu Akteurinnen des öffentlichen Lebens, die den neuen liberalen Staat (im Falle Jesenskás den neu entstandenen tschechoslowakischen Nationalstaat), in dem sie lebten, mitgestalten wollen. Jesenská schreibt deswegen nicht mehr in den Frauenrubriken der Tagespresse, sondern über hungernde Kinder in Wien. Tergit wiederum zeichnet das Sittenbild eines sich zunehmend radikalisierenden Berlins und wird zur gefeierten Romanautorin – bis sie selbst die Stadt verlassen muss. Helen Wolff verlässt Deutschland ebenfalls. Zusammen mit Kurt Wolff gründet sie in New York einen der wichtigsten Exilverlage. Zuvor träumt sie in Saint-Tropez mit der Heldin ihres Romans vom richtigen „Hintergrund für Liebe“.

          Ein einziges Mal noch kehrt Gabriele Tergit als Reporterin nach Deutschland zurück. Sie berichtet über den Harlan-Prozess und erlebt den Regisseur von „Jud Süß“ als uneinsichtigen Mann, der sich hinter der Kunstfreiheit versteckt: „Niemand weiß, ob Europa unzerstört wäre und die Juden am Leben“, schreibt Tergit degoutiert, „wenn Harlan und alle wie er nur widerliche Drehbücher von Goebbels in ihrer ganzen Scheußlichkeit gezeigt hätten, wenn sie ihr göttliches Talent nicht dazu benutzt hätten, Kunst daraus zu machen, aber das große Erbe der Deutschen wäre unbesudelt.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) fordert eine zügige personelle Neuaufstellung seiner Partei.

          Liveblog Bundestagswahl : Altmaier fordert zügig personelle Neuaufstellung der CDU

          Röttgen: CDU in „existenzieller Gefahr“ +++ SPD-Chef Walter-Borjans: Mitgliederbefragung zu Koalitionsvertrag möglich +++ Bayerns Finanzminister Füracker: „CSU für Niederlage nicht verantwortlich“ +++ Lindner als FDP-Fraktions-Vorsitzender wiedergewählt +++ Alle Entwicklungen zur Bundestagswahl im Liveblog.
          US-Präsident Joe Biden steht im US-Kongress eine entscheidende Woche bevor.

          Entscheidende Woche : Der US-Regierung droht der „Shutdown“

          Präsident Biden hat diese Woche im US-Kongress gleich an mehreren Fronten zu kämpfen: gegen einen drohenden „Shutdown“, gegen einen möglichen Zahlungsausfall der Regierung und gegen ein Scheitern seiner großen Prestigeprojekte.
          Jörg Meuthen, Tino Chrupalla und Alice Weidel am Montag in Berlin

          AfD in Ostdeutschland : Blau blüht das Kernland

          Die AfD wird in Sachsen und Thüringen stärkste Kraft, obwohl sie im Vergleich zur Wahl von 2017 teilweise Stimmenanteile verliert. Was folgt daraus für die Partei? In Berlin zofft sich die Führung auf offener Bühne.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.