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Literarische Reportagen : Als diese Frauen sich das Schreiben eroberten

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Bleilettern aus der analogen Zeitungsära Bild: Picture-Alliance

Literarische Reportage als Steigbügelhalter berühmter Schriftstellerinnen: Endlich kann man wieder Texte von Milena Jesenská, Gabriele Tergit und Helen Wolff lesen.

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          Joseph Roth, der 1926 als Berliner Kulturkorrespondent der „Frankfurter Zeitung“ arbeitete, schrieb an seinen damaligen Ressortleiter Benno Reifenberg: „Die moderne Zeitung braucht Reporter nötiger als Leitartikler.“ Roth war einer jener Autoren, die nach dem Ersten Weltkrieg im Grenzbereich von Literatur und Journalismus eine moderne Schreibhaltung einzunehmen versuchten und diese dann auch lauthals verteidigten. „Ich bin nicht eine Zugabe, eine Mehlspeise, sondern reine Hauptmahlzeit“, verkündete er selbstbewusst. Doch was genau meinte der Autor weltberühmter Erzählungen und Romane damit?

          Es war die Geburtsstunde des politischen Feuilletons aus dem Geist der Literatur. Oder auch die Geburt der Literatur aus dem Geist der Reportage. So in etwa lautet jedenfalls die These des Literaturwissenschaftlers Jörg Später, der sich den „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ nach dem Ersten Weltkrieg anhand exemplarischer Intellektuellenbiographien der zwanziger Jahre angeschaut hat. Daraus ist vor ein paar Jahren eine hervorragende Biographie Siegfried Kracauers entstanden. Ernst Bloch, heißt es darin, wollte im Medium der Zeitung „Philosophie in Revueform“ betreiben. Siegfried Kracauer darf zusammen mit Walter Benjamin als Virtuose dieses Anspruchs gelten. „Ich zeichne das Gesicht der Zeit“, verkündete Kracauer. Die Straße, das Verbrechen, die Vergnügungsindustrie: All das waren jetzt Feuilletonthemen neben dem gediegenen Rezensionsgeschäft alter Schule.

          In diesem Sinne schrieb Kracauer nicht nur mit Hingabe über neue Filme, sondern auch über die Tanzkompanie der Tiller Girls, deren synchronisierte Choreographie er mit den Bewegungen von Fabrikarbeitern verglich. Und er war Berichterstatter beim berühmten Angerstein-Prozess, der den Zeitgenossen damals Rätsel aufgab. Hatte ein tadelloser Bürger doch seine Frau und sieben weitere Personen seines Haushalts mit dem Hirschfänger ermordet. Neben dem Fall Fritz Haarmann, der in Hannover mehr als zwanzig Jungen zerstückelt hatte, wird das Verbrechen Angersteins zum paradigmatischen Kriminalfall der Weimarer Republik. Anders als Haarmanns Taten, offensichtlich von einer denaturierten Seele verübt, bleibt das Wüten Angersteins unverstanden. Er selbst gab später an, weder sich selbst zu kennen noch von den Menschen erkannt worden zu sein. Die Mordserie war eine „Tat ohne Täter“, wie Kracauer in seinem Prozessbericht schrieb.

          Die Zeitung wurde Forum bürgerlicher Selbstverständigung

          Gesellschaft war mit den neuen politischen Verhältnissen in den ehemaligen Monarchien Österreich-Ungarn und Preußen zum Steinbruch für ästhetische, politische und moralische Reflexionen geworden. Und die soziale Frage wurde auch immer drängender im literarischen Themenkosmos. Sie wurde jetzt häufiger und unmittelbarer gestellt. Und zwar im Duktus einer Neuen Sachlichkeit. Die Zeitung blieb dabei ein wichtiges Vehikel und wurde zum Forum der bürgerlichen Selbstverständigung. Vor allem für jene Gruppen, die bislang ausgeschlossen waren von der gesellschaftlichen Teilhabe: die Juden und die Frauen.

          In den zwanziger Jahren gab es mehr als tausend Verlage in Berlin, darunter viele von Juden geführt, weswegen Hitler hasserfüllt von der „Judenpresse“ schwadronierte. Die meisten Autoren der Weimarer Republik, ob jüdisch oder nicht, publizierten in der Tages- und Wochenpresse. Sogar eine Frauenzeitschrift wie das 1912 gegründete Ullstein-Blatt „Die Dame“ zog philosophische Literaten mit Platz für kulturtheoretische Aufsätze an. Vicki Baum, Stefan Zweig und Walter Benjamin erschienen zwischen Enthaarungsmittelwerbung, Society-Fotografie, Schnittmustern und progressiven Texten über den Zusammenhang von Bubikopf und Frauenemanzipation.

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