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Dante als Fresko von Andrea del Castagno, um 1450 Bild: Tommaso Galligani

Borchardts Dante-Übersetzung : Alles, was er tat, geschah aus polemischem Furor

  • -Aktualisiert am

Aber wie gut ist das seiner Übersetzung der Göttlichen Komödie bekommen? Nichts weniger als die Reparatur der Geschichte schwebt ihm vor: Eindrücke bei der Erstlektüre von „Dante – Deutsch von Rudolf Borchardt“.

          7 Min.

          Fünfundzwanzig Jahre hat er gearbeitet, ein Lebenswerk. Und was ist daraus geworden? „Dante – Deutsch von Rudolf Borchardt“, 1930 vollständig erschienen, genießt den ebenso esoterischen wie zweifelhaften Ruhm, ein vollkommen unlesbares Buch zu sein, schrullige Kopfgeburt, verstiegen, verdreht, die Übersetzung von Dantes Göttlicher Komödie nicht ins Deutsche, sondern in eine Sprache, die es in Wahrheit überhaupt nicht gibt oder je gegeben hätte. Ehe man Borchardt lese, lerne man besser gleich Italienisch! Dem ist schwer zu widersprechen, und so wurde aus dem vollkommen unlesbaren zwangsläufig ein vollkommen ungelesenes Buch. Ob Thomas Mann diesen deutschen Dante, dessen „großartige Grillenhaftigkeit auch ich so sehr bewundere“, wirklich von A bis Z studiert hat?

          Selbst große Verehrer des Dichters Borchardt – unter diesen auch der Verfasser dieser Zeilen – bekennen in einer stillen Stunde, sie hätten natürlich „in“ seinem Dante gelesen; das komplette Werk sich vorzunehmen sei aber schlicht unmöglich. Und sogar die Hartgesottensten müssen wohl oder übel einräumen, zum Kennenlernen des großen Florentiners seien dann doch andere Übertragungen geeigneter; Borchardts Dante bleibe am Ende mehr Borchardt als Dante. Doch wann, wenn nicht jetzt, in Dantes Jubeljahr 2021, wäre der Selbstversuch zu wagen? Und sei’s allein, um dem ungelesenen Lebenswerk wenigstens einen einzigen neuen Leser zu gönnen – den hätte es trotz alledem verdient!

          Eher Arbeit als Lektüre

          Erster Schritt, Bestandsaufnahme: Was eigentlich hält man Borchardts Dante vor? Schon der große Romanist Karl Vossler schwankte seinerzeit zwischen Bewunderung und Kopfschütteln, doch am Ende blieb das Kopfschütteln stärker: „So, wie sie auf dem Papier steht, in ihre besondere Rechtschreibung und Lautform verpanzert, schreckt sie den Leser ab.“ Nun, das lässt sich nachprüfen. „Nel mezzo del cammin di nostra vita / mi ritrovai per una selva oscura . . .“, so der berühmte Auftakt zum Inferno (I, 1–7).

          In mitten unseres lebens an der fahrt

          erfand ich mich in einem finsteren

          hagen,

          dass ich der rechten strassen irre ward:

          Ach harter pein, und wem er glich, zu

          sagen,

          der hagen, ein wild wald rauch und

          ungeheure,

          der an gedanken mir erneut das zagen!

          Tod ist viel saurer nicht denn seine säure!

          Sehr fremd, sehr wild schaut uns das an, gewiss! Abschreckend? Beim Weiterlesen stößt man immer wieder auf rätselvolle Passagen, die sich dem Verständnis sperren; man liest zweimal, dreimal, um einen Sinn, ja nur die Satzstruktur zu begreifen. Zum Glück erinnert sich der Leser an die ermutigende Antwort der großen Toni Morrison auf einen ent­sprechenden Vorwurf: „That, my dear, is ­called reading!“ Trotzdem, irgendwann steckt der Leser fest.

          Zweiter Schritt, Hilfeersuchen bei befreundeten Literaten in Italien: Was und wie lest ihr heute diese Commedia? Schwierig, schwierig, kommt die leicht kopfschüttelnde Antwort. Natürlich, Dante zählt zum Pflichtprogramm der Schule, jeder gebildete Italiener kennt zahlreiche Passagen und Zitate, aber ein richtiges Lesen, von vorn bis hinten? Nein, das tue man sich nicht noch einmal an. Die mittelalterliche Rechtschreibung und Lautform seien eher abschreckend, der ungewohnte Satzbau müsse oft mühsam rekonstruiert werden, die starke Komprimierung mancher Verse mache es schwer, den Sinn unmittelbar zu erfassen, von all den nie gehörten Worten und Sachverhalten ganz zu schweigen. In jedem Fall sei die Lektüre eher Arbeit, und mit nur zwei- oder dreimaligem Wiederlesen komme man bei vielen Stellen kaum aus. Nachdenklich greift der Leser wieder zu seinem Borchardt.

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