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Selge-Roman „Beethovn“ : Auf dass es so laut wie möglich dröhne

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All die wilden Haare: Beethoven in einer Buchillustration Bild: Ullstein

Wie nähert man sich einem Genie, das bereits zu Lebzeiten von einer Aura der Verehrung umgeben war? Albrecht Selge riskiert es in seinem Roman „Beethovn“ mit literarischer Vielstimmigkeit.

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          Gibt es überhaupt noch etwas Neues im Beethoven-Jahr zu entdecken, nachdem jetzt gerade zu den zahlreichen Biographien und Studien noch mindestens ein Dutzend weitere hinzugekommen sind? Wohl kaum. Albrecht Selge hat das nicht davon abgeschreckt, seine Variationen hinzuzufügen. Als Musikkenner und Sprachvirtuose verfügt er über das nötige Handwerkszeug, und im Wien der Beethoven-Zeit kennt er sich auch aus, inklusive der Caféhäuser und Beiseln.

          Wie nähert man sich einem Genie, das bereits zu Lebzeiten von einer Aura der Verehrung umgeben war und es bis heute ist? Selge gelingt das erstaunlich unbefangen, indem er fast zusammenhanglose Kapitel aneinanderreiht. Er lässt Beethoven von außen beschreiben, von Zeitgenossen wie von historischen Figuren. Ausgedachtes und Authentisches mischen sich. Sein Roman beginnt mit einem jungen Bewunderer aus Darmstadt, der Beethoven in Wien nur im Vorübergehen antrifft, aber immerhin ein paar Auskünfte über sein Idol von dem damals berühmten Geiger Schuppanzigh erhält.

          Die Kapitel sind lapidar mit einem Satz wie „Beethoven war nicht da“ und der Jahreszahl 1822, „Beethoven schlief“ und 1823 oder beim letzten „Beethoven starb“ überschrieben. Viel Orientierung ist das nicht gerade, zumal wenn Selge im zweiten Kapitel die Familiengeschichte von der Ahnin Josiyne erzählen lässt, die man auf dem Großen Markt in Brüssel verbrannt hat, wo auch Egmont enthauptet worden ist. Ihr Geist sucht Beethoven manchmal heim und inspiziert die vielen leeren Flaschen in seiner verlotterten Wohnung. Überhaupt Geister – sie sind dem Komponisten dieses Romans nicht fremd. Sie inspirieren ihn und leisten ihm in seiner weinseligen Einsamkeit Gesellschaft.

          Albrecht Selge: „Beethovn“. Roman. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2020. 240 S., geb., 22,– Euro.

          Beethoven verliebte sich manchmal in seine seiner Schülerinnen, denen er keine Virtuosität, aber viel Ausdruck abverlangte. Vielleicht verliebte er sich auch flüchtig in „Nymphen“, die ihrem bezahlten Handwerk nachgingen und nebenbei Spitzeldienste für die Polizei lieferten. Eine davon darf kurz erzählen. Die unerreichbare „unsterbliche Geliebte“ bekommt dagegen bei Selge eines der längsten Kapitel und ebenso der vielgeliebte leichtlebige Neffe und Ziehsohn Karl, von dem es ja auch viel authentisches Material gibt.

          An Kontakten zu berühmten Zeitgenossen und dem Applaus der Adelsgesellschaft hat es Beethoven, seit er in jungen Jahren nach Wien kam, nie gefehlt. Sein Genie wurde erkannt und gefeiert. Doch als das Alter und seine Trunksucht ihn plagen, macht er sich rar. Er unterrichtet nicht mehr, und er gibt auch keine Konzerte. Nur wenn er allein ist, drischt er auf sein verstimmtes Klavier ein, bis es so laut wie möglich dröhnt. Er komponiert aus seelischen Innenräumen, manchmal mit wahrer Besessenheit, und hört doch kaum einen Ton. Spätere Generationen werden seine Werke aus diesen Jahren als wegweisend für die neue Musik und reich an Empfindung schätzen. Die Zeitgenossen waren bis auf wenige überfordert.

          Schubert wagte sich vor Ehrfurcht kaum an ihn heran. Grillparzer durfte ihn immerhin besuchen, um mit ihm über einen Text für eine neue Oper zu sprechen – oder besser: zu versuchen, sich mit ihm auf Zetteln darüber zu verständigen. Aber würde Beethoven sich nach dem „Fidelio“ wegen seiner zunehmenden Schwerhörigkeit überhaupt noch an größere Werke wagen? Doch Erstaunliches und Bewundernswertes ist gerade in den letzten Lebensjahren entstanden. Die späten Streichquartette gehören zu den schönsten überhaupt. Schon ihre Opus-Angaben sind für das Ton- und Notengedächtnis von Musikkennern ein wunderbares inneres Konzert. Ihnen bietet Selge in seinem Roman vermutlich nichts, was sie nicht schon wüssten. Für die anderen aber öffnen sich manche originelle Wege, um dem Menschen wie dem Genie Beethoven auf die Spur zu kommen.

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