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Konferenz in Bayreuth : Afrikanische Träume

Richard Wagner dürfte diese Tage einige Menschen in traditioneller, afrikanischer Kleidung durch Bayreuth spazieren sehen.
Richard Wagner dürfte diese Tage einige Menschen in traditioneller, afrikanischer Kleidung durch Bayreuth spazieren sehen. : Bild: dpa

Afrikas Vergangenheit ist nicht vergangen. Sklavenhandel, Kolonialismus, jede Art von Ausbeutung, die Menschen sich ausdenken können, Unterdrückung, Rassismus, Umweltzerstörung und Raubbau an allen natürlichen Ressourcen, was immer der Westen Afrika angetan hat und noch immer antut - all das kommt in Bayreuth auf die eine der andere Weise zur Sprache und deshalb hat wohl fast jede einzelne dieser vielen literaturwissenschaftlichen Veranstaltungen auch einen eminent politischen Charakter. Afrika, so hieß es nach archäologischen Funden vor etlichen Jahren, sei vermutlich die Wiege der Menschheit gewesen. In jedem Fall, so schreibt Achille Mbembe in seinem auch auf deutsch erschienenen Buch „Kritik der schwarzen Vernunft“, sei Afrika die Wiege des Kapitalismus. Denn hier habe das alte Europa gelernt, Menschen als Ware und Rohstoff zu definieren. Eine der Triebkräfte des liberalen Europa, so Mbembe, sei die Angst gewesen, die Angst vor den anderen, den Juden wie den Schwarzen.

Mbembe, Jahrgang 1952, ist mit dieser Ansicht gar nicht soweit entfernt von Aimé Cesaire (1913 bis 2008), einem der Vordenker des Konzepts der „Negritude“. Cesaire, der Gedichte, Dramen und Essays schrieb, vertrat die Ansicht, Europas Bürger hätten Hitler später nicht seine Verbrechen an der Menschlichkeit vorgeworfen, sondern etwas anderes. Im Grunde sei das, was der gute europäische Bürger Hitler nicht verzeiht, „nicht das Verbrechen an sich, das Verbrechen am Menschen, nicht die Erniedrigung des Menschen an sich, sondern, dass es das Verbrechen gegen den weißen Menschen ist, dass es die Demütigung des Weißen ist und die Anwendung kolonialistischer Praktiken auf Europa, denen bisher nur die Araber Algeriens, die Kulis in Indien und die Neger Afrikas ausgesetzt waren.“

Wie bewahrt eine oft weitgehend auf mündlicher Überlieferung beruhende Kultur ihre Geschichten im digitalen Zeitalter? Das Thema der Konferenz, formuliert im dehnbaren Tagungsenglisch, lautete „African Futures and beyond. Visions in transitions“, und war insofern nicht schlecht gewählt weil es zu fast nichts verpflichtete und fast alles erlaubte.

Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen in Afrika ist ungeheuer. Drei Beispiele: Aniceti Kitereza, einer der bekanntetesn Autoren Afrikas, hat die Bantu-Sprache Chividunda gesprochen, und 1945 auf Kikerewe einen Roman verfasst, der nicht gedruckt werden konnte, bevor das Buch ins Kiswahili übersetzt wurde, was erst 1980 der Fall war. Wiederum zwei Jahrzehnte später, 2002, erschien der Roman über „Herrn Myombekere und Frau Bugonoka“ erstmals auf Englisch. Die deutsche Übersetzung war Dank des Peter Hammer Verlags bereits in den neunziger Jahren erschienen. Die Vielzahl der afrikanischen Sprachen, ein spärlich entwickeltes Verlagswesen und die Schwierigkeiten, eine Übersetzungskultur zu etablieren, machen die Verbreitung selbst jener Autoren, die schon fast als Klassiker gelten, nach wie vor sehr schwierig.

Afrika hofft auf die digitale Entwicklung

Gleichzeitig lebt die alte orale Tradition der ostafrikanischen Kultur in den neuen digitalen Medien weiter. Der Analphabetismus in Afrika ist nach wie vor weit verbreitet, die Versorgung mit Computern oft sehr schlecht, aber es gab bereits 2011 mehr als fünfhundert Mobiltelefonnutzer auf dem Kontinent, und es gibt Indizien dafür, dass die Tradition des mündlichen Erzählens in den sozialen Medien eine Fortsetzung findet. Hier kommt auch das bereits erwähnte „Ubuntu“ wieder ins Spiel. Dabei handelt es sich um ein linux-basiertes Betriebssystem, das besonders einfach zu bedienen sein soll und Schätzungen zufolge von ungefähr 25 Millionen Afrikanern benutzt wird. Wo ein großer Teil der Menschen nicht lesen und schreiben kann, bekommen Konzepte, die auf Bildsymbolik und intuitiver Nutzerführung basieren, ein völlig anderes Gewicht als in Europa. Ubuntu ist ein Wort aus der Zulu-Sprache und bedeutet soviel wie Menschlichkeit.

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