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Afrikanische Verhältnisse : Kenia und der kaputte Kontinent

  • -Aktualisiert am

Mehr als ein atavistischer Gewaltausbruch: die Unruhen in Kenia und anderswo Bild: REUTERS

Nirgendwo ist das humanitäre Engagement größer als in Afrika, aber die Erfolge sind gering: Auf dem geschundenen Kontinent erblüht sogar wieder die Sehnsucht nach der Kolonialzeit. Ein bedenkliches Indiz.

          Eigentlich müssten sie sich an die Brust schlagen und „mea culpa“ rufen: all die Diplomaten, Entwicklungshelfer und Dritte-Welt-Experten, von den Kirchen bis zu den Parteistiftungen, die Afrika jahrelang gesundgebetet, die Probleme des Kontinents schöngeredet und ethnische Konflikte heruntergespielt haben bis zum Geht-nicht-Mehr. Wer den Finger auf die Wunde legte und die Dinge beim Namen nannte, wurde von der großen Koalition politisch korrekter Gutmenschen an den Pranger gestellt und als Schwarzseher, Rassist oder Kolonialist gebrandmarkt, obwohl oder weil die Krisensymptome unübersehbar waren.

          Nein, Afrika ist kein „normaler“ Kontinent: Nirgendwo sonst auf der Welt sind so viele Blauhelmsoldaten und internationale Friedenstruppen im Einsatz, um brüchige Waffenstillstandsabkommen zu überwachen und verfeindete Volksgruppen daran zu hindern, mit Knüppeln oder Macheten, Granatwerfern und Kalaschnikows aufeinander loszugehen, um sich wechselseitig zu massakrieren. Die Liste der Bürger- und Stammeskriege - das Wort ist tabu, aber die Sache existiert trotzdem - ist kaum noch überschaubar, und ist ein Buschbrand mühsam gelöscht, flammt anderswo ein neuer auf: Burundi, Kongo, Elfenbeinküste, Darfur, Liberia, Somalia, Sierra Leone, Westsahara und Südsudan, Zimbabwe und Zentralafrikanische Republik heißen die Sorgenkinder Afrikas, und nun treten als Neuankömmlinge noch Kenia und der Tschad hinzu, zwei Staaten, die als logistische Basis für Hilfsorganisationen und Journalisten von größter Bedeutung sind, mit Blick auf den Genozid in Darfur ebenso wie auf die prekäre Lage im Südsudan.

          Und es gehört keine Sehergabe dazu, um vorauszusagen, dass Südafrika nach dem Wechsel an der Spitze des ANC der nächste Kandidat auf der Liste der Krisengebiete ist: Die Kriminalität hat bürgerkriegsähnliche Ausmaße erreicht, der Exodus weißer Farmer ist voll im Gang, und Nelson Mandelas Symbolkraft als einsame Lichtgestalt reicht nicht aus, um die zerstörerischen Mächte im Zaum zu halten.

          Ein Wunschdenken, das zu partieller Blindheit führt

          Dass Vizepräsident Zuma, der sich für die Vergewaltigung einer aidskranken Frau mit den Worten entschuldigte, er habe hinterher geduscht, zum Nachfolger Thabo Mbekis gewählt wurde, ist ebenso skandalös wie die Weigerung der Afrikanischen Union, sich von Robert Mugabe zu distanzieren, der sein Volk verhungern lässt. Die Kritik an Menschenrechtsverletzungen hat Zimbabwes Diktator außerhalb seines Landes noch populärer gemacht, und alles Gerede von Transparenz und good governance ist blanker Hohn angesichts der Brutalität selbsternannter Eliten und Afrikas himmelschreiender Korruption, die von den Betroffenen damit gerechtfertigt wird, ein Staatschef, der in die eigene Tasche wirtschaftet, sei einem Machtwechsel vorzuziehen, denn danach fange das Stehlen und Plündern wieder von vorne an.

          Die Folgen des Tribalismus und Klientelismus sind derzeit in Kenia zu besichtigen, das bis vor kurzem als Hort der Stabilität und Bollwerk der Demokratie in Ostafrika galt - dasselbe hatten Experten über die vom Bürgerkrieg zerrissene Elfenbeinküste gesagt: Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, wurden ethnische Konflikte für nichtexistent erklärt. Dieses Wunschdenken, das alle Übel Afrikas auf eine einzige Ursache namens Kolonialismus reduziert, führt zu partieller Blindheit und Verkennung der Realität. Das heißt nicht, dass ethnischer oder religiöser Hass naturgegeben oder den Afrikanern angeboren sei. Es handelt sich um ein ideologisches Konstrukt, Wasser auf die Mühlen skrupelloser Demagogen und Warlords, das bei Bedarf mobilisiert und machtpolitisch manipuliert werden kann.

          Die Sehnsucht nach Kolonialverhältnissen ist ein bedenkliches Indiz

          Kenia ist das beste Beispiel dafür: Die Fernsehbilder keulen- und speereschwingender Krieger vom Volk der Luo oder Kikuju bezeugen weder einen atavistischen Gewaltausbruch noch einen Rückfall in vorkoloniale Vergangenheit. Sie sind Folge einer manipulierten Wahl und Ausdruck von Klassengegensätzen, die weiße Besucher nicht wahrnehmen, weil ihre Gesprächspartner überwiegend der Mittel- und Oberschicht entstammen, deren sozialer Status auf Geld beruht, mit dem sich Konflikte gewaltlos regeln lassen. Die Slums von Nairobi hingegen waren und sind Brutstätten ethnischer Gewalt, wo die Mungiki-Sekte, ein von der Mau-Mau-Revolte inspirierter Kikuju-Geheimbund, jeden ermordet, der sich weigert, das geforderte Schutzgeld zu zahlen.

          Die Tatsache, dass viele Afrikaner sich in die Vergangenheit zurücksehnen, als angeblich alles besser war, ist ein bedenkliches Indiz. An die Stelle der erhofften Entwicklung sind Stagnation und Rückschritt getreten, der die Kolonialzeit in verklärtem Licht erscheinen lässt. Afrikas märchenhafter Reichtum wurde und wird rücksichtslos ausgebeutet von multinationalen Konzernen in Komplizenschaft mit korrupten Regimes, und die Unabhängigkeit blieb ebenso ein frommer Wunsch wie die Einheit des Schwarzen Kontinents - ganz zu schweigen von Rechtsstaat und Demokratie. Unter diesen Umständen war der Besuch des Bundespräsidenten in Uganda und Ruanda zwar gut gemeint, aber kontraproduktiv, denn es handelt sich um Militärdiktaturen, die sich an der Destabilisierung der benachbarten Kongorepublik und der Ausplünderung ihrer natürlichen Ressourcen beteiligen. Das Regime in Kigali ist mitverantwortlich für das Massensterben im Osten des Kongo, dem dreimal so viel Menschen zum Opfer fielen wie dem ruandischen Genozid. Und es ist zu befürchten, dass der Völkermord weitergeht - in Kenia oder im Tschad.

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