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James Campbell wird 70 : Abwechslung als oberste literarische Tugend

James Campbell schreibt für das TLS in London. Bild: Reuters

Der Literaturredakteur James Campbell verschafft den Lesern des Times Literary Supplement tiefe Einsichten über preiswürdige Autoren – und erfand gleich selbst ein paar Preise dazu. Jetzt wird er siebzig Jahre alt.

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          Fangen wir ganz hinten an. So wie es die treuesten Leser des Times Literary Supplement jeden Freitag halten, wenn die Londoner Wochenzeitung für Buchkritiken erscheint. Auf der letzten Seite ist Platz für das, was übrig ist: gesammelte Meldungen aus dem literarischen Leben. Die Rubrik hat eine denkbar knappe Überschrift, weil eben wirklich für alles Platz sein soll: N.B., die Abkürzung für Notabene. Auch am Fuß der Seite stehen nur zwei Großbuchstaben mit Punkten, weil sich der Autor der Sammelkolumne, wie früher die Verfasser dieser Glosse, als das Feuilleton noch ganz hinten in der Zeitung zu finden war, hinter einem Kürzel versteckt. Wohl ein Vierteljahrhundert lang las man dort außerhalb sehr knapp bemessener Urlaubszeiten dieselben zwei Buchstaben: J.C. Und an der Konstanz der Signatur erfreute man sich, weil die Chiffre J.C. für das Gegenteil stand – Abwechslung als oberste literarische Tugend.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Die Chronistenpflicht erfüllte J.C. durch kontinuierliche Glossierung, wobei er nie vergaß, dass Text hinter dem Imperativ Notabene hauptsächlich Informationen bieten muss. Literaturredakteure und sicher auch Leser dieser Zeitung leiden manchmal darunter, wie viele Literaturpreise zu vermelden sind. J.C. machte sich den Spaß, in der endlosen Serie der Ruhmesblattlieferungen durch Einführung von Kategorien Übersicht zu schaffen.

          So verdankt die Literatursoziologie ihm die Erkenntnis, dass es einen Typus des Preises gibt, den die Autoren bekommen, die schon alle Preise bekommen haben. Konsequenterweise forderte er, dass man auch einen Preis für die Autoren schaffen müsse, denen noch nie ein Preis verliehen wurde. „All must have prizes“: Gemäß diesem von ihm formulierten Gesetz der marktförmigen Literaturproduktion vermehrte er die Preismeldungsmasse, indem er erfundene Preise ausschrieb wie den Jean-Paul-Sartre-Preis für die Ablehnung eines Preises.

          Er selbst entzog sich der Gunst der Jurys, da dem Blatt kein Hinweis darauf zu entnehmen war, was man nach den Anfangsbuchstaben zu ergänzen hatte. Am 18. September 2020 stand am Ende der Kolumne zum ersten Mal sein vollständiger Name. Der neue Chefredakteur hatte ihn abgesetzt. Zu Beginn jedes Jahres stellte J.C. eine Liste anstehender runder Autorengeburtstage zusammen. In einem von der Routine des Neuen regierten Betrieb bieten kalendarische Anlässe die Chance, sich auf Abwege führen zu lassen. Auch für dieses Memento ist die lesende Welt James Campbell dankbar, der am heutigen Samstag siebzig Jahre alt wird.

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