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Abgeschrieben? : Streit um den Roman „Leyla“: Özdamar gegen Zaimoglu

  • -Aktualisiert am

Erschüttert: Kleist-Preisträgerin Emine Sevgi Özdamar Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Sein Roman „Leyla“ war das Buch dieses Frühjahrs, hochgelobt und viel gelesen. Jetzt zeigen sich erstaunliche Parallelen zu einem Buch Emine Sevgi Özdamars. Hat Feridun Zaimoglu tatsächlich die Lebensgeschichte seiner Mutter erzählt?

          Es war das Buch dieses Frühjahrs. Feridun Zaimoglus Familienroman „Leyla“, die Geschichte eines Mädchens, das in den fünfziger und sechziger Jahren in der anatolischen Provinz, in der im Roman ungenannten Stadt Malatya unter dramatischen, archaischen Familienzuständen aufwächst, später nach Istanbul zieht, heiratet und am Ende des Buches im Zug nach Deutschland sitzt, um auszuwandern, nach München und später nach Berlin. Wir Rezensenten lobten die ungeheure poetischer Kraft und Sprachmacht des Autors, vor allem aber auch die neuen Einblicke, die wir in eine uns völlig fremde Welt werfen konnten.

          So fremd, das wird jetzt deutlich, hätte sie uns nicht sein müssen. Denn im Verlag Kiepenheuer und Witsch, in dem jetzt auch „Leyla“ erschienen ist, wurde vor vierzehn Jahren ein Roman veröffentlicht, der in der selben Welt spielt, ein Roman, in dem auch ein in den fünfziger und sechziger Jahren in der anatolischen Provinz aufwachendes Mädchen im Zentrum steht. Der Roman spielt sogar in der selben Stadt, in Malatya, auch diese junge Frau verläßt später diesen Ort und geht nach Istanbul, und am Ende sitzt auch sie im Zug nach Berlin, um auszuwandern, aus dieser alten Welt. Das Buch ist von der Autorin und Kleistpreisträgerin Emine Sevgi Özdamar, es heißt „Das Leben ist eine Karawanserei hat zwei Türen aus einer kam ich rein aus der anderen ging ich raus“, für einen Ausschnitt daraus hat sie 1991 den Bachmann-Preis gewonnen. Trotzdem hatten es die meisten Rezensenten jetzt, „Leyla“-lesend, wieder vergessen oder sie kannten es gar nicht.

          Das böse Wort spricht niemand aus: Hat Zaimoglu abgeschrieben?

          Das alles wäre ein normaler Vorgang, die Geschichte ist hunderttausendfach geschehen, wieso sollte sie nicht zwei Mal aufgeschrieben werden, von zwei verschiedenen Künstlern, die einen außerordentlich unterschiedlichen Stil schreiben? Doch seit einigen Wochen zirkuliert ein Verdacht in der Bücherwelt, und seit gut einer Woche zirkuliert auch ein vielseitiges Text-Konvolut, in dem akribisch Parallelstellen in den beiden Büchern nebeneinandergestellt werden.

          Özdamars Buch, vor vierzehn Jahren erschienen

          Das Konvolut hat eine Germanistin aus Süddeutschland, die namentlich nicht genannt werden will, in zweimonatiger Arbeit zusammengestellt, und es umfaßt eine große Zahl von ähnlichen Motiven, die in beiden Büchern gleichermaßen vorkommen. Das heißt: nicht nur die äußeren Lebenstationen der beiden Protagonistinnen sind sehr ähnlich, sondern auch wesentliche Konstruktionselemente der beiden Romane. Das böse Wort spricht niemand aus, aber implizit lautet der Vorwurf, Zaimoglu habe in „Leyla“ wesentliche Elemente aus der „Karawanserei“ abgeschrieben. Die Frage ist: wem gehört die Geschichte? Wem gehört diese Geschichte? Wem gehört die türkische Einwanderergeschichte der ersten Generation, die in diesem Frühjahr in Zaimoglus Buch für so außerordentliche Furore gesorgt hatte?

          Jedes Detail für sich ist harmlos. Ihre Fülle ist erstaunlich

          Donnerstag abend in einer Kreuzberger Altbauwohnung: Auf dem Tisch von Emine Sevgi Özdamar liegt ein Papierberg, jede Seite ist mit bunten Textmarkern in blau und orange markiert. Drei Stunden lang gehen wir Motiv für Motiv durch. Sie ist außerordentlich erregt, später wird sie sagen, ich dürfe aus unserem Gespräch am Abend nicht zitieren, aber man darf sicher so viel sagen: Emine Sevgi Özdamar ist tief erschüttert, sie fürchtet, ihre Lebensgeschichte sei ihr gestohlen worden.

          Die Indizien sind zahlreich. Jedes einzelne Indiz für sich kann man gut für Zufall halten, alle Indizien zusammengenommen sind sehr auffällig. Es geht einerseits um Details und Metaphern, andererseits um ganze Handlungsstränge, um gleiche Assoziationen in vergleichbaren Lebensmomenten. Hier sind Buchstaben „wie auseinander fliegende Bäume“, dort sind Buchstaben „wie Menschen, die sich gegen einen starken Wind stemmen“, hier ist vom Filmstar „Humprey Pockart“ die Rede, dort von „Kessrin Hepörn“, in beiden Büchern gibt es abenteuerliche Ausflüge der Mädchen ins Kurdengebiet, in einem Buch kommen sie an einem „silbernen See“ vorbei, im anderen Fall an einem „Silberfluß“, wenn Mädchen sich in beiden Büchern ein Bett teilen und es in beiden Fällen zu angedeuteten Liebesszenen kommt, essen sie am Ende Kaugummi.

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