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Büchnerpreis für Rainald Goetz : Abfall für manche, Irritation für alle

Ein Energetiker: Büchner-Preisträger Rainald Goetz Bild: Daniel Pilar

Rainald Goetz, der rasende Protokollant der Gegenwart, ist so dicht dran wie keiner an seiner Zeit, und doch weit entfernt von der nackten Tatsachenwiedergabe. Die Darmstädter Akademie traf eine überlegte Wahl.

          Der Georg-Büchner-Preis wird als bedeutendster deutscher Preis dieser Art für Literatur vergeben. In diesem Jahr an den aus München stammenden, in Berlin lebenden Schriftsteller Rainald Goetz. Doch was ist das, Literatur? Vor 1750 nahm noch kaum ein Europäer wahr, dass es zwischen Romanen, Dramen und Gedichten eine Ähnlichkeit geben sollte. Und warum auch sollten Opern weiter von Dramen entfernt sein als Sonette? Oder Novellen weniger mit Zeitungsberichten der Abteilung „Vermischtes“ zu tun haben als mit Komödien? Mitunter hieß es von dem, was uns heute als erzählte Fiktion vorkommt, es handele sich um „schöne Wissenschaft“.

          Und überhaupt waren die Grenzen zwischen Sachbüchern und erdichteten Geschichten unklar. Der heute bekannteste Fall dieser Unklarheit, aber eben nur einer von vielen, war der „Robinson Crusoe“ Daniel Defoes, der 1719 eine lange Diskussion auslöste, ob es sich um eine tatsächliche Autobiographie oder eine Erfindung handelte. Womit wir beim diesjährigen Preisträger wären. Denn Rainald Goetz, der im vergangenen Jahr sechzig wurde, hat seit fast zwei Jahrzehnten seinem Erzählwerk eine Wendung gegeben, die auf neue Weise die Grenzverwischung zwischen Dichtung und Tatsache pflegt. Vielfach und auch jetzt wird er gelobt dafür, in seinen mitunter als „Roman“ bezeichneten, aber als Tagebuch wahrgenommenen Texten ein Chronist der Gegenwart zu sein.

          Protokollnatur der schriftstellerischen Existenz

          Dabei ist der Autor - und soll man jetzt verstärkend sagen: „tatsächlich“? - ein Meta-Naturalist der merkwürdigsten Art. Von „Abfall für alle. Roman eines Jahres“ (1999), der zunächst im Internet erschien und sich als Instant-Verwertung des eigenen Berliner Stadterlebens präsentierte, bis zu dem zu Recht vielgerühmten „Johann Holtrop“ (2012), über den keine Besprechung erschien, die nicht viel Gewese daraus machte, dass der Manager Thomas Middelhoff wohl das Vorbild für die Hauptfigur war - immer wird Goetz als eine Art literarischer Journalist gepriesen. Das Tempo der Gegenwart erschließe sich seiner Nervosität. Die objektive Komik der Prominenz, deren Werke und Taten und Partys und Taxifahrten er protokolliere, sei das Produkt einer Art Dauerrecherche in der Berliner Medienrepublik. So, wie seine etwas älteren Texte aus der Welt der Raver und DJs („Rave“ von 1998, „Celebration“ von 1999) als eine reflexive Völkchenkunde teilnehmender Beobachtung gelesen wurden: authentische Berichte aus der Zone, in der auch diejenigen tanzen, die es eigentlich nicht können, weil die Wendung „eigentlich nicht“ im generalisierten Jugendlebensstil, dort nämlich, wo es einzig um Gegenwart geht, gar keine Bedeutung hat.

          Wer Rainald Goetz gesehen hat, wie er bei wissenschaftlichen Tagungen in der hinteren Reihe sitzt und mitnotiert, wie er auch so gut wie jeden Sitzungstag im legendären Prozess seines Verlages, Suhrkamp, gegen den Miteigentümer Barlach besuchte, findet weitere Bestätigung für die Protokollnatur dieser schriftstellerischen Existenz. Hier macht einer, müsste man dann sagen, das eigene Leben und Bewusstsein zum Instrument von Texten.

          Sound des Tatsächlichen

          Irgendwie schon, doch die genauere Formulierung müsste wohl lauten: Hier führt einer das eigene Leben als Instrument der Texterzeugung vor. Die überdeutlich ausgestellte Anteilnahme des Schriftstellers am Mediengeschehen, sein Realismus also, der nicht ohne Fernseher und Zeitung - gerade auch diese hier - auskommt, ist dabei nur ein Hinweis darauf, dass wir es nicht mit einem Chronisten zu tun haben. Sondern mit jemandem, der als Schriftsteller nur so gut sein will in Sachen Wirklichkeitseindruck wie die Medien. Der aber im Grunde ein reiner Ästhet ist, weil jede angebliche Tatsache, die er mitteilt, bei ihm darauf geprüft wird, ob sie den Sound des Tatsächlichen transportiert. Das kann, so ist die Wirklichkeit eben, mit ihrer Tatsächlichkeit einhergehen, muss es aber nicht.

          Bekannt gemacht hatte sich Goetz, der in Kinderpsychiatrie und in Alter Geschichte promoviert wurde, danach aber noch ein Selbststudium der soziologischen Systemtheorie absolvierte, durch seinen Auftritt beim Klagenfurter Vorlesewettbewerb. Und auch da hätte man es schon merken können. Denn als er dort im Sommer 1983 nach selbstbeigebrachter Stirnverletzung seinen Text - aus dem Roman „Irre“ (1983) - blutend vorlas, war das mehr als eine Demonstration seines Sinns für Medien. Es war auch die stumme Mitteilung eines Autors, das Feld, auf dem er sich bewegt, besser durchdrungen zu haben als die meisten seiner Bewunderer und Verächter. Das Brechtsche „Glotzt nicht so romantisch“ überbietet er inzwischen in jeder seiner Sachen: Lest nicht so realistisch.

          Während also die ältere Literatur von fernen Schauplätzen oder aus exklusiven Kreisen berichtete, um sich der Prüfung auf Tatsächlichkeit zu entziehen, tut es Goetz durch Anschluss an das öffentlich Zugängliche. Denn auch das ist ein Merkmal seiner Literatur: die tagebuchhafte Ausstellung genau derjenigen Anteile seines Privatlebens, die in der Öffentlichkeit spielen - es gebe keinen Sex bei Goetz, hat ein Kritiker einmal folgenlos festgestellt - oder von denen er eben möchte, dass sie so wahrgenommen werden. Die zuletzt beobachtbare Zunahme von Goethe-Anspielungen in seinen Texten darf vielleicht so gelesen werden. Wenn es immer Biographie ist, hat die Unterscheidung von Dichtung und Wahrheit keinen Sinn, jedenfalls nicht in der Dichtung. Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung hat, mit anderen Worten, einen ziemlich raffinierten Schriftsteller ausgezeichnet.

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