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Nelly-Sachs-Preis : Fehlgeleitete Erregung

Beharrlich: Kamila Shamsie, Autorin, Brustbild, während einer Diskussionsrunde im Frankfurter Pavilion auf der Frankfurter Buchmesse 2018. Bild: Picture-Alliance

Nachdem die Jury der Schriftstellerin Kamila Shamsie den Nelly-Sachs-Preis wieder aberkannte, weil diese den BDS unterstützt, regt sich nun Protest. Zurecht?

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          Nehmen wir einmal an, aus der Liste der folgenden Schriftsteller würden in zwei Wochen die beiden neuen Literaturnobelpreisträger ausgewählt, dann könnte man sich über die Qualität der Entscheidung kaum beklagen: Arundhati Roy, Richard Ford, John Burnside, A. L. Kennedy, Colm Toíbín, Yann Martel, Teju Cole, Michael Ondaatje, Colum McCann, Deborah Eisenberg, Esther Freud und George Saunders. J. M. Coetzee, der mit auf der Liste steht, hat den Nobelpreis schon. Diese Autoren und noch 240 weitere Prominente aus aller Welt, darunter die Aktivistinnen Angela Davis, Gloria Steinem und Naomi Klein, die Zeitdiagnostiker Pankaj Mishra und Noam Chomsky, der Filmemacher Ken Loach, die Künstlerin Marlene Dumas, die Präsidentin des internationalen PEN, Jennifer Clement, sowie die Musiker Brian Eno und Roger Waters haben einen offenen Brief unterzeichnet, der vor zwei Tagen von der „London Review of Books“ publiziert wurde. Das Schreiben hebt so an: „Mit Bestürzung haben wir die Entscheidung der Stadt Dortmund vernommen, Kamila Shamsie den Nelly-Sachs-Literaturpreis abzuerkennen.“ Außer bei Champions-League-Spielen ihrer Borussia dürfte die westfälische Stadt schon lange kein derartiges internationales Interesse auf sich gezogen haben.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Als deutscher Unterzeichner des Briefs fällt nur Alexander Kluge auf. Warum haben nicht mehr Deutsche unterschrieben? Weil die zugrundeliegende Sache komplex ist und die damit verbundene Debattenatmosphäre gerade hierzulande vergiftet. Was ist geschehen? Vor zwei Wochen verkündete die Stadt Dortmund, dass die 1973 in Pakistan geborene britische Schriftstellerin Kamila Shamsie den diesjährigen Nelly-Sachs-Preis erhalte. Die städtische Auszeichnung ehrt „Persönlichkeiten, welche herausragende schöpferische Leistungen auf dem Gebiete des literarischen und geistigen Lebens hervorbringen“. Shamsie überzeugte die Juroren mit ihrem hochgelobten, 2018 auch auf Deutsch erschienenen Roman „Hausbrand“, der eine durch die unterschiedliche Haltung zum Islamismus zerrissene muslimische Familie porträtiert und damit vorbildlich einlöst, was die Preisvergabe im Gedenken an die aus Nazideutschland geflohene Dichterin Nelly Sachs explizit auch verlangt: „geistige Toleranz, gegenseitigen Respekt und Versöhnung unter den Völkern und Kulturen verkünden“.

          Nicht Dortmund hat also die Entscheidung rückgängig gemacht

          Diese Erwartung richtet sich aber laut Satzung nicht an das Werk, sondern an „Leben und Wirken“ der jeweiligen Autoren. Als kurz nach Bekanntwerden der Preiszuerkennung Kritik daran laut wurde, dass Shamsie die Organisation BDS unterstützt, die zum kulturellen Boykott Israels aufruft, tagte die Jury noch einmal, um angesichts dieses ihr zuvor unbekannten und von Shamsie auf Nachfrage noch einmal bekräftigten Engagements die Entscheidung zu überprüfen (F.A.Z. vom 13. September). Vor zehn Tagen erkannte sie dann Shamsie den Preis wieder ab.

          Nicht die Stadt Dortmund hat also die Entscheidung rückgängig gemacht, sondern die Jury, die allerdings zur Hälfte aus Ratsmitgliedern besteht und Bürgermeisterin Birgit Jörder zum Vorsitzenden hat. Seine Stadt hatte im vergangenen Februar verkündet, Befürwortern von Israel-Boykotten kein öffentliches Forum zu bieten. Diesem Ratsbeschluss hätte Dortmund mit der Preisverleihung an Shamsie untreu werden müssen. Die Aberkennung war somit zu erwarten.

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          Sie ist aber auch nur konsequent, wenn man die Preiskriterien berücksichtigt. Interessanterweise verkennt der offene Brief, der von einer „Bestrafung“ Shamsies spricht, dass in Deutschland im Umgang mit der Boykottorganisation BDS mittlerweile selbst Boykottmaßnahmen vollzogen werden. Sofern das Vorgehen von BDS als gerechtfertigt angesehen wird, können deren Unterstützer eine gleichgeartete Reaktion darauf schlecht verdammen. Sie versuchen es trotzdem, indem die BDS-Aktivitäten als moralisch gerechtfertigt dargestellt werden, wobei immer wieder – auch von Shamsie – ein Vergleich der Behandlung der Palästinenser durch den Staat Israel mit der früheren südafrikanischen Apartheidspolitik gezogen wird. Es ist pikant, dass ihr nun mit J. M. Coetzee ein Schriftsteller beipflichtet, der nicht nur 1972, zwanzig Jahre vor Ende der Apartheid, in sein südafrikanisches Heimatland zurückkehrte, sondern dort seitdem auch an einer staatlichen Hochschule lehrte.

          Nun mag man ja aus früheren Fehlern lernen, und es ist sehr zu hoffen, dass das auch für Jurysitzungen von eher politisch als ästhetisch motivierten Literaturpreisen gelten wird. Und noch mehr bei deren Annahme durch Personen, die sich mit den Preiszielen nicht identifizieren. Die Verleihung des Literaturnobelpreises an Nelly Sachs wurde 1966 damit begründet, dass ihre Werke „das Schicksal Israels mit ergreifender Stärke interpretieren“. Wäre es Kamila Shamsie um so etwas wie Konsequenz gegangen, hätte sie den nach der dezidierten Befürworterin des Staates Israel benannten Preis selbst ablehnen müssen.

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