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Abdel-Samad über Koran : Wer sucht, der findet - alles

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Der deutsch-ägyptische Publizist Hamed Abdel-Samad Bild: dpa

Der islamkritische Autor Hamed Abdel-Samad deutet den Koran für die säkulare Gegenwart. Über alle Ambivalenzen rettet er die spirituelle Kraft des Islam.

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          Das meiste, was der aus Ägypten stammende Autor Hamed Abdel-Samad in seinem Buch mitteilt, ist der Koranwissenschaft längst bekannt. Dem Buch kommt aber das Verdienst zu, diese Kenntnisse klar strukturiert und verständlich für eine breite Leserschaft zusammengefasst zu haben. Abdel-Samad war, als er noch in seiner Heimat lebte, durchaus dem Islamismus zugeneigt, sein Vater war ein Imam in einem Dorf am Nil. Heute verfolgt der Autor seine Religion und ihre Entwicklung mit engagierter Distanz. Es sind zwei Kerngedanken, unter denen dieser Islam-Kritiker sein Buch stellt. Zum einen sei der Koran eine Art Supermarkt. Man kann in ihm alles finden, je nachdem, was man sucht. Wer Suren sucht, die die Gewalt, ja den Krieg rechtfertigen, wird sie finden. Doch er wird auch solche finden, die den Frieden beschwören.

          Wer Freundliches über Juden und Christen als Monotheisten sucht, wird es finden, doch auch das Gegenteil, Ablehnung und Ausgrenzung der „Verfälscher“ der ursprünglichen Offenbarung. Wer danach sucht, dass Sünder schwer bestraft werden sollen, weil sie Unzucht (zina) treiben oder Alkohol trinken - oder aber dass man ihnen verzeiht, kann die jeweils entsprechenden Verse heranziehen. So erklärt sich der Titel des Buches: „Der Koran. Botschaft der Liebe. Botschaft des Hasses“.

          Milde und Schärfe

          Abdel-Samad beschreibt den Koran als einen Text, in dem das Agieren und Reagieren Mohammeds im Vordergrund steht. Die frühen mekkanischen Suren, in denen Mohammed für seine Botschaft warb, zeugen von einer gewissen Milde des Propheten, die späteren medinensischen häufig von Härte und Schärfe. In Medina war Mohammed Führer einer Gemeinde geworden, die sich behaupten musste und schließlich siegen wollte. In ihnen zeigt sich Mohammed als das, was er war: Prophet und Religionsstifter, Politiker und Feldherr. Nach Thomas Carlyle machte das seine historisch einmalige Größe aus. Heutzutage wird eine solche „integrale“ Mischung zum Problem.

          Der Koran spiegelt nach der Meinung des Autors jene Lehren wider, die der Prophet in den dreiundzwanzig Jahren seines Wirkens zwischen 609 und 632 nach Christus, dem Jahr seines Todes, entwickeln musste, um seiner Botschaft zum Erfolg zu verhelfen. Als Kind seiner Zeit verwendete Mohammed auch Mittel seiner Zeit - etwa in der kriegerischen Auseinandersetzung mit den Mekkanern, die ihm anfangs nicht folgen wollten. Vom „heiligen Krieg“ bis zur Behandlung der Frauen dekliniert der Autor in kurzen Kapiteln das patriarchalische Verhalten des Religionsstifters.

          Moderne Werte des Islam

          Zweite These: Der Autor plädiert dafür, den Offenbarungs-Text säkular zu lesen. Die Koranexegese könne „erst Früchte tragen, wenn man sich von der Macht des Textes als ewiges und allgemeingültiges Wort Gottes emanzipiert hat“. Der Text muss also verzeitlicht und entmythologisiert werden, denn bis heute gilt er als unantastbar, weil eben als authentische Rede Gottes selbst, die dem Propheten wörtlich vermittelt wurde. Christen verstehen die Bibel heute in der Regel so, dass sie das Wort Gottes enthält, der Koran jedoch ist es selbst. Oder, wie es heißt: Gott hat „in klarer arabischer Sprache“ gesprochen.

          In den Schlusskapiteln des Buches gesteht der Autor dem Islam zu, potentiell Werte zu transportieren, die auch in der Moderne geeignet sind, Gesellschaften zu tragen und positiv zu prägen. Die Gerechtigkeit (arabisch: adl) gehört als zentraler Wert des Korans dazu, ebenso ein Ausgleich zwischen Arm und Reich. Immer wieder appelliert der Koran auch an die Gläubigen, sich um Witwen und Waisen zu kümmern, um die Schwachen generell. Der Islam kennt ursprünglich auch keinen Rassismus. Der erste Gebetsrufer Mohammeds, Bilal al Habaschi, war ein freigelassener schwarzer Sklave. Auch das Streben nach Wissen, keineswegs nur religiösem, ist dem Muslim nicht verwehrt. Tatsächlich hat die islamische Zivilisation in den nachkoranischen Jahrhunderten anspruchsvolle ethische Systeme entwickelt, die nicht nur von der Scharia, sondern auch von der (vornehmlich hellenistisch beeinflussten) Philosophie und dem Sufismus, der Mystik, geprägt waren. Die heutigen Diskussionen, gerade auch in Europa, werden oft über einen Islam geführt, dessen Bild durch Islamismus und Terrorismus (auch) massiv entstellt worden ist.

          Der Koran ist für Abdel-Samad auch ein Tor zur Erfahrung von Spiritualität. Bis heute können Muslime - der Autor nimmt sich da nicht aus - in Tränen ausbrechen angesichts des Tadschwid, der gelungenen Rezitation bestimmter Koranverse, in denen die Transzendenz und Gegenwart Gottes beschworen werden, etwa in dem berühmten Thron-Vers, der es an Sprachgewalt mit den erhabensten Stellen der Bibel aufnehmen kann. Diese Bemerkungen werden freilich nicht imstande sein, von Hamed Abdel-Samad den Hass und die Drohungen abzuwenden, denen er seit geraumer Zeit durch Salafisten ausgesetzt ist. Für die gegenwärtig in unserem Land geführten Diskussionen kommt dieses Buch zur rechten Zeit.

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