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Abbas Khiders Roman „Ohrfeige“ : Das Land, wo Hass und Honig fließen

Schriftsteller Abbas Khider wurde in Bagdad geboren und lebt seit 2000 in Deutschland Bild: Wonge Bergmann

„Nix ich will hören“, sagt der junge irakische Flüchtling in Abbas Khiders neuem Roman „Ohrfeige“. Dann fängt er an zu reden. Und erzählt von einer Reise aus der Diktatur ins Reich der Ohnmacht.

          Drei Jahre und vier Monate hat Karim Mensy aus Bagdad in Deutschland gelebt: in Dachau, Zirndorf, Bayreuth, Niederhofen und München. An keinen dieser Orte ist er freiwillig gegangen, er hat sie sich nicht ausgesucht und wollte in ihnen nicht heimisch werden. Viel sei geschehen in dieser Zeit, aber nichts, so Karims bittere Bilanz, worauf er stolz sein könne: „Alles, was ich erreicht habe, ist ein gigantisches Nichts. Der einzige, der sich freut, ist mein Schlepper Abu Salwan.“

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Karims Reise von Bagdad nach Bayern hatte fünf Wochen gedauert. Zunächst ging es mit dem Auto nach Istanbul, von dort weiter bis an die griechische Grenze, wo der Evros mit einem Schlauchboot überquert werden musste. Die nächste Station war Athen, dann folgten Patras, Venedig, Rom und Bozen. Auf jeder Station wechselten die Schlepper und die Zusammensetzung der Flüchtlingsgruppe. Am Ende sitzt Karim mit drei weiteren Passagieren im Laderaum eines Transporters, den sie nach sechsstündiger Fahrt im Morgengrauen ohne ein Wort der Erklärung verlassen müssen: „Bislang hatte überall ein Schlepper auf mich gewartet. Dieses Mal jedoch fand ich mich an einem unbekannten Ort wieder, zusammen mit drei anderen Jungs. Keiner von uns wusste, wo wir waren oder was jetzt am besten zu tun war. Wir standen auf einer verwaisten Landstraße, um uns herum schneebedeckte Felder, einige entlaubte Bäume und eine Kälte, die uns bis tief in die Knochen fuhr. Weder Menschen noch Autos waren zu sehen, lediglich ein paar Gebäude, weit entfernt. ,Ist das Deutschland?‘, fragte einer der Jungs.“

          Der Roman der Stunde?

          Ja, das ist Deutschland. Das gelobte Land. Das gehasste Land. Das Land, das unter seinen Paragraphen und seine Ängsten verschüttet wird. Das Land, in dessen Gesicht die Neuankömmlinge nicht zu lesen vermögen. Das Land, in dem, wie einer von ihnen sagt, die Frauen nicht putzen und nicht kochen, aber wie Herrinnen behandelt werden wollen. Das Land, in dem die Grundregel für jeden Asylbewerber lautet, niemals die Wahrheit zu sagen, sondern nur das, was dem Erlangen einer Aufenthaltsgenehmigung dienlich ist. Das Land, das Karim und vielen tausend anderen ein Dach über dem Kopf schenkt, sie alle kleidet, nährt, versorgt, beschützt und ausgrenzt. Denn ein ganz normales Leben – das kann auch dieses Land nicht verschenken. Es kann es nicht einmal verordnen.

          „Ohrfeige“ gilt als Roman der Stunde, weil Abbas Khider darin vom Schicksal eines Asylbewerbers und seiner Weggefährten erzählt. Das ist nicht ganz falsch, sollte aber nicht vergessen lassen, dass Khider seit seinem 2008 erschienenen Debütroman „Der falsche Inder“ stets um dieselben Themen kreist: Vertreibung, Flucht, Heimatlosigkeit, Außenseitertum und der Kampf um Individualität in den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Systemen, ob in Bagdad, Benghasi oder Bayern. Khiders Figuren sind Entwurzelte, Träumer und Beobachter, Einzelgänger, Poeten ohne Werk, die in den Wahnsinn abgleiten wie Karims Freund Rafid, Romantiker in aussichtsloser Lage, und Spielbälle eines Schicksals, das überwiegend in einfachen Worten erzählt wird, aber weitaus komplexer ist, als man auf den ersten Blick meinen könnte.

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