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25 Jahre Fatwa : Das verfemte Buch und der größte Triumph des Salman Rushdie

Die kommunikative Steinzeit als Lebensretter

2012 hat Rushdie eine Autobiographie veröffentlicht und sie „Joseph Anton“ betitelt, seinem Decknamen im Untergrund folgend, einer Kombination aus den Vornamen der Lieblingsautoren Conrad und Tschechow. Sehr zu Recht und nahezu einhellig ist dieses Buch gerühmt worden ob der ganz uneitlen, dafür höchst geduldigen Genauigkeit, mit der es die Zeit vor, während und nach Chomeinis Fatwa schildert.

Ajatollah Chomeini, hier auf einer iranischen Banknote, ließ „Die Satanischen Verse“ gleich nach dem Erscheinen von einem unbekannt gebliebenen Geistlichen ins Persische übersetzen.

Immer wieder erinnert der über sich selbst in der dritten Person schreibende Rushdie daran, dass zumal während der ersten Jahre, in denen das Leben im Versteck lediglich von unangekündigten Kurzauftritten in der Öffentlichkeit unterbrochen wurde, auch noch die kommunikative Steinzeit herrschte: Das Faxgerät war eine Sensation, Mobiltelefone und Internet existierten nicht. Sein Resümee für 1999 lautet: „Es war das Jahr, in dem zum ersten Mal jemand das Wort ,Google‘ in seiner Gegenwart benutzt hatte.“ Und er fügt hinzu: „Hätte es dieses ,Google‘ schon 1989 gegeben, hätte sich der Mordaufruf gegen ihn so schnell und rapide verbreitet, dass er keine Chance gehabt hätte.“ Das schiere Gefühl gibt ihm recht.

Sein Ritterschlag als Provokation

Chomeinis Fatwa, darauf hat Sadik Al-Azm schon 1993 hingewiesen, entsprach keineswegs ihrem eigentlichen Zweck: Sie war eben nicht Rechtsauskunft für ratsuchende Gläubige, sondern ein politisch motiviertes Todesurteil, das sich theologisch verbrämte. Niemand könne dieses Urteil zurücknehmen, man müsse warten, „bis sich der Staub gelegt hat“. So ist es gekommen, damit hat Rushdie zu leben gelernt. Ganz sicher kann er niemals sein. Bereits 1999, ein Jahr nach dem Einlenken der iranischen Regierung, votierte eine Mehrheit im Teheraner Parlament für die Bekräftigung der Todesstrafe und wünschte ihn zur Hölle.

Allein die Ankündigung, Englands Königin werde Rushdie 2007 zum Ritter schlagen, führte in mehreren Ländern, etwa in Pakistan und Malaysia, zu neuen Protesten und zum Verbrennen von Rushdie-Puppen und Fotos des Autors, ein Bombenfund in London wenige Tage nach dem Ritterschlag wurde von Scotland Yard in einen potentiellen Zusammenhang mit der Zeremonie gebracht.

Salman Rushdie war dank des Welterfolgs seines in Indien und Pakistan spielenden Romans „Mitternachtskinder“ schon seit Beginn der achtziger Jahre ein berühmter Autor, mit den „Satanischen Versen“ wurde die Berühmtheit notorisch. Der dritte große Roman, die indisch-spanische Familiensaga „Des Mauren letzter Seufzer“ von 1995, ist in vielen Verstecken entstanden. Seine Autorschaft bis heute unangefochten fortzusetzen und seinen Alltag längst wieder nach eigenem Gutdünken zu gestalten: Größere Triumphe kann es nicht geben.

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