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25 Jahre Fatwa : Das verfemte Buch und der größte Triumph des Salman Rushdie

Wie François Rabelais von 1532 an mit dem fünfbändigen Romanzyklus „Gargantua und Pantagruel“ habe Salman Rushdie viereinhalb Jahrhunderte später mit den siebenhundert Seiten der „Satanischen Verse“ eine „schockierende, verwirrende und wachrüttelnde Satire des zeitgenössischen Lebens“ publiziert, die naturgemäß auch vor „Parodien des Allerheiligsten“ nicht haltmache.

Wie konsequent Al-Azm blieb, zeigt der Eröffnungstext der Essay-Sammlung, der sich (erstmals 2007 in der Zeitschrift „European Review“) mit dem Verhältnis von Wissenschaft und Religion im Islam befasst. Hier verteidigt er Rushdie gegen dessen schonungslose Selbstanklage. Ende 1990, nach fast zwei Jahren im wechselnden Versteck, hatte sich der Autor in London mit Repräsentanten des Islam getroffen und danach in der „Times“ das Bekehrungsschreiben eines bisher Gottlosen veröffentlicht: „Warum ich ein Muslim bin“.

Der syrische Philosoph Sadik Al-Azm ist der profundeste Kenner des Romans

Vielfach hat Rushdie später bekannt, dies sei „beschämend“, ein „schrecklicher Fehler“ und seine „Affäre mit dem Stockholm-Syndrom“ gewesen. Al-Azm aber sieht keinerlei Grund, sich deshalb vor Selbstscham in den Staub zu werfen. Rushdie habe sich nicht anders als Galileo Galilei verhalten - einzig bedeutsam sei die Frage, ob der Islam nun wie die katholische Kirche ebenfalls mehr als dreihundert Jahre benötige, um den eigenen Irrtum zu bekennen.

In Pakistan und Indien nicht im Handel

Wie minoritär Al-Azms Position in seinem Umfeld auch sein mag: Es gibt sie, und sie hat sich vehement artikuliert. Immer wieder hat dieser Gelehrte darauf aufmerksam gemacht, dass die muslimische Welt in Sachen „Satanische Verse“ keineswegs gleichgeschaltet sei. Zumal in den sunnitischen Ländern Arabiens habe es nie Massenproteste und nie Unterstützung für Chomeinis Fatwa gegeben, wenngleich auch hier eine frei zugängliche Übersetzung des Romans noch auf absehbare Zeit fehlen werde.

Organisiert wurde der Widerstand schon kurz nach dem Erscheinen der englischen Originalausgabe am 26. September 1988 in der asiatischen Diaspora, also in Rushdies Heimatländern Indien und Pakistan. Damals rasch verboten, ist das Buch jedenfalls über den Internethandel dort bis heute weder gedruckt noch digital zu erhalten, wohl aber das Pamphlet „Wie Rushdie den Westen betrog“. Englische Muslime schlossen sich bei Demonstrationen in Bradford und London dem Aufruhr an, der schließlich im schiitischen Iran eskalierte.

Chomeini, nahezu blind und dem eigenen Tod nah, hat vor dem Auftrag zur Exekution die „Satanischen Verse“ zwar nicht gelesen, wohl aber lesen und, wie der BBC-Journalist Baqr Moin in seiner Biographie des Ajatollahs schildert, sogar von einem unbekannt gebliebenen Geistlichen ins Persische übersetzen lassen: Die Samisdat-Version auf offizielles Geheiß dürfte ein Unikum der Literaturgeschichte sein.

Verlagsgründung für „Die satanischen Verse“

Islamkritisch, eben deshalb aber auch die Utopie eines sich selbst erkennenden Islam bleiben „Die satanischen Verse“ allemal, ihre Wirkung hat, folgt man Al-Azm, gerade erst begonnen. Ermöglicht wird die utopische Qualität vor allem durch die Schärfe der Erzähl-Attacken zur Überlieferung des Korans, zum Werdegang des Propheten Mohammed und zum sehr gegenwärtigen Wahn des Fundamentalismus. Es wäre intellektuell wie ästhetisch unredlich, das Skandalon zu verkleinern, das dieser Roman ist und sein will.

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