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Wie man im Fernsehen Literatur vorstellt : Die feindlichen Brüder

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Literatur im Fernsehen, Oktober 1969: In der ersten Folge des „Literarischen Colloquiums“ diskutieren Barbara König, Renate Rasp, Hans Werner Richter, Gabriele Wohmann und Helga M. Nowak Bild: picture-alliance / KPA Copyright

„Das wird bisweilen Ärger bringen, aber das Vertrauen des Publikums steigern - und wahrscheinlich auch sein Interesse an der Sache.“ Im Juli 1979 begründet Marcel Reich-Ranicki, warum die Literatur-Präsentation auf dem Bildschirm zur Literaturkritik gehört.

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          Wie kann man literarische Neuerscheinungen im Fernsehen vorstellen und dabei beiden gerecht werden - der Literatur und dem Fernsehen? Das ist eine äußerst schwierige Frage, an der seit mindestens fünfzehn Jahren in der Bundesrepublik laboriert wird, und zwar mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Niemand kann hier mit einer Patentlösung aufwarten - nicht einmal der Unterzeichnete. Mit anderen Worten: Man muß versuchen, jedes Buch auf die ihm angemessene Weise zu präsentieren, also in jedem Fall anders. Nur eine Regel ist unumstößlich: Man muß wissen, was man eigentlich will - die Zuschauer mit einem Autor bekannt machen oder nur dessen neues Buch vorstellen oder mit Hilfe dieses Buches auf eine allgemeine Frage verweisen oder nur ein wenig intellektuelle Unterhaltung bieten.

          Will man alles auf einmal, dann geht die Sache mit Sicherheit schief - es sei denn, man hat mindestens eine halbe Stunde Sendezeit zur Verfügung, und die hat man fast nie.

          In den „Aspekten“ nahm man sich am vergangenen Freitag des Romans „Das Goldkind“ von Eva Demski an. Sehr erfreulich, denn es ist ein lesenswertes, ein beachtliches Buch. Aber die „Aspekte“-Leute wollten in den wenigen Minuten, die sie diesem Roman widmeten, alles auf einmal unterbringen: ein Porträt der Autorin, eine Lesung aus dem Buch, ein Interview und auch noch schöne Bilder der Stadt Regensburg, denn dort spielen große Teile des „Goldkinds“. Das hat keinen Sinn, die Präsentation fiel oberflächlich und wirr aus. Selbstverständlich mußte Eva Demski die überflüssige Frage beantworten, ob der Roman autobiographisch sei. Sie antwortete, wie nicht anders zu erwarten war: Die Geschichte sei zwar erfunden, doch seien in ihr viele ihrer Erfahrungen enthalten. Dasselbe hätten auch die Autoren von „Anna Karenina“ und „Winnetou“, des „Zauberbergs“ und des „Mannes ohne Eigenschaften“ sagen können. Alle Romane kombinieren Erfindung mit Erfahrung.

          Noch schlimmer: Die obligaten Fotos des Regensburger Domes und einiger Straßen und Brücken in der Altstadt haben nur die Aufmerksamkeit vom „Goldkind“ abgelenkt, über dessen Stil und Klima man so gut. wie nichts erfahren hat. Muß man denn immer, wenn ein Roman in Wien, Beiiin oder Paris spielt, den Stephansdom, das Brandenburger Tor oder den Eiffelturm zeigen? Die meisten Buch-Präsentationen im Fernsehen kranken an den offenbar für Analphabeten bestimmten krampfhaften Bebilderungen. Eva Demski, die im „Bücher-Report“ am Sonntag Irmgard Keun aus Anlaß der Neuausgabe des Romans „Gilgi - eine von uns“ interviewt hat, braucht man in dieser Hinsicht nicht zu belehren: Frau Keun lebt seit vielen Jahren in Köln, dennoch hat man uns ein Foto des Kölner Domes erspart. Aber ich frage mich, ob es richtig war, Großstadtszenen aus dem 1931 entstandenen „Gilgi“-Roman mit Aufnahmen aus dem heutigen Frankfurter Zentrum zu illustrieren. Es gibt doch Filmaufnahmen vom Anfang der dreißiger Jahre.

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