https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/2.3134/ueber-erich-kaestner-der-dichter-der-kleinen-freiheit-12244223.html

Über Erich Kästner : Der Dichter der kleinen Freiheit

  • -Aktualisiert am
Erich Kästner mit seinem 17 Jahre alten Sohn Thomas Anfang Februar 1974 in seiner Wohnung in München
          11 Min.

          I

          Erich Kästner ist ein wehmütiger Satiriker und ein augenzwinkernder Skeptiker. Nie wollte er aufhören zu glauben, daß die Menschen besser werden könnten, „wenn man sie oft genug beschimpft, bittet, beleidigt und auslacht“. Er, der Autor düsterer und resignierter, bissiger und bitterer Gedichte, war in Wirklichkeit Deutschlands hoffnungsvollster Pessimist und der deutschen Literatur positivster Negationsrat.

          Er gehört zu den Moralisten, die zugleich Spaßmacher sind. Er ist ein Conférencier, der keine Hemmungen hat zu predigen. Und er ist ein Prediger, der gern und stolz die Narrenkappe trägt. In allem, was er geschrieben hat, dominiert unmißverständlich und dennoch unaufdringlich das Pädagogische. Mithin ein Schulmeister gar? Aber ja doch, nur eben Deutschlands amüsantester und geistreichster.

          Er wurde schnell berühmt und nie ganz anerkannt. Ob in Versen oder in Prosa - er drückte sich immer einfach und leicht aus. Also befürchtete man, es sei einfältig und ungewichtig. Was er zu sagen hatte, war immer ganz klar. Also vermißte man die Tiefe. Er war witzig. Also nahm man ihn nicht ganz ernst. Er hatte Anmut und Charme. Also hielt man ihn für etwas unseriös. Er war sehr erfolgreich, ja, er wurde - wie seine Zeitgenossen Tucholsky und Ringelnatz, Fallada und Zuckmayer - ein typischer Volksschriftsteller. Also mißtraute man ihm.

          Aber Erich Kästner, dieser Berliner aus Dresden, der seit bald dreißig Jahren in München lebt, ist vom Geschlecht der Lessing und Lichtenberg, der Heine und Fontane. Das seien, ließe sich sofort einwenden, etwas hohe Sockel und, bei allem Respekt, nun doch nicht ganz geeignet für den Dichter, der von Emil* und den Detektiven erzählt hat. Zugegeben. Doch in dem Land, in dem man zwar Bach schätzt, aber Offenbach unterschätzt, wo man die Wagner und Brückner verehrt und die Nicolai und Lortzing herablassend belächelt, wo die Walzerkönige ebenso gebraucht wie bagatellisiert werden, da kann man nicht oft genug erinnern: Verachtet mir die kleinen Meister nicht!

          II

          Seinen ersten Lyrikband (“Herz auf Taille“, 1928) eröffnet das Gedicht „Jahrgang 1899“. Es ist - wie einige Jahre vorher Brechts „Vom armen B. B.“ und fast vierzig Jahre später der poetische Bericht „Kleckerburg“ von Günter Grass - das Gedicht einer ganzen Generation. Die entscheidende Strophe lautet:

          Wir haben der Welt in die Schnauze geguckt,
          anstatt mit Puppen zu spielen.
          Wir haben der Welt auf die Weste gespuckt,
          soweit wir vor Ypern nicht fielen.


          So erwies sich auch Kästner als ein Sprecher - um den von Hemingway popularisierten Begriff zu verwenden - der „lost génération“. Daraus ist längst ein Schlagwort geworden. Aber nicht die deutschen Schriftsteller sind schuld, daß sich in Deutschland seit über einem halben Jahrhundert die verlorenen Generationen auf die Hacken treten. Ihre Repräsentanten, auch die intelligentesten und bedeutendsten, sind in der Regel für die Ideale und Losungen der radikalen politischen Bewegungen besonders empfänglich : Brecht, Anna Seghers und zeitweise auch Tucholsky gingen zu den Kommunisten, Benn war zwei oder drei ’Jahre lang von den Nazis wenn nicht fasziniert, so doch jedenfalls affiziert.

          Weitere Themen

          Der Mann, der einmal Otfried Syrowatka war

          Empathische Biographie : Der Mann, der einmal Otfried Syrowatka war

          Otfried Preußler schuf mit „Krabat“ und dem „Räuber Hotzenplotz“ Figuren des kulturellen Gedächtnisses. Der Literaturforscher Carsten Gansel nähert sich dem Schriftsteller in einer Biographie. Leider trübt die Nähe den Blick auf sehr schwierige historische Hintergründe.

          Die Kunst des Falconizings

          Pop-Anthologie (148) : Die Kunst des Falconizings

          Mit „The Sound of Musik“ wollte Falco sich neu erfinden, weg von den alten Klischees. Der Song erschafft ein neues, faszinierendes Sounduniversum, doch in die Zukunft wies er für Johann Hölzel nicht.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.