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Über Erich Kästner : Der Dichter der kleinen Freiheit

  • -Aktualisiert am

Erich Kästner mit seinem 17 Jahre alten Sohn Thomas Anfang Februar 1974 in seiner Wohnung in München Bild: picture alliance / Georg Goebel

„Er hatte nicht mehr und nicht weniger zu bieten als Grazie und Esprit, Humor und Vernunft“: In seinem ersten Beitrag in der F.A.Z. befasst sich Marcel Reich-Ranicki im Februar 1974 mit Erich Kästner.

          11 Min.

          I

          Erich Kästner ist ein wehmütiger Satiriker und ein augenzwinkernder Skeptiker. Nie wollte er aufhören zu glauben, daß die Menschen besser werden könnten, „wenn man sie oft genug beschimpft, bittet, beleidigt und auslacht“. Er, der Autor düsterer und resignierter, bissiger und bitterer Gedichte, war in Wirklichkeit Deutschlands hoffnungsvollster Pessimist und der deutschen Literatur positivster Negationsrat.

          Er gehört zu den Moralisten, die zugleich Spaßmacher sind. Er ist ein Conférencier, der keine Hemmungen hat zu predigen. Und er ist ein Prediger, der gern und stolz die Narrenkappe trägt. In allem, was er geschrieben hat, dominiert unmißverständlich und dennoch unaufdringlich das Pädagogische. Mithin ein Schulmeister gar? Aber ja doch, nur eben Deutschlands amüsantester und geistreichster.

          Er wurde schnell berühmt und nie ganz anerkannt. Ob in Versen oder in Prosa - er drückte sich immer einfach und leicht aus. Also befürchtete man, es sei einfältig und ungewichtig. Was er zu sagen hatte, war immer ganz klar. Also vermißte man die Tiefe. Er war witzig. Also nahm man ihn nicht ganz ernst. Er hatte Anmut und Charme. Also hielt man ihn für etwas unseriös. Er war sehr erfolgreich, ja, er wurde - wie seine Zeitgenossen Tucholsky und Ringelnatz, Fallada und Zuckmayer - ein typischer Volksschriftsteller. Also mißtraute man ihm.

          Aber Erich Kästner, dieser Berliner aus Dresden, der seit bald dreißig Jahren in München lebt, ist vom Geschlecht der Lessing und Lichtenberg, der Heine und Fontane. Das seien, ließe sich sofort einwenden, etwas hohe Sockel und, bei allem Respekt, nun doch nicht ganz geeignet für den Dichter, der von Emil* und den Detektiven erzählt hat. Zugegeben. Doch in dem Land, in dem man zwar Bach schätzt, aber Offenbach unterschätzt, wo man die Wagner und Brückner verehrt und die Nicolai und Lortzing herablassend belächelt, wo die Walzerkönige ebenso gebraucht wie bagatellisiert werden, da kann man nicht oft genug erinnern: Verachtet mir die kleinen Meister nicht!

          II

          Seinen ersten Lyrikband (“Herz auf Taille“, 1928) eröffnet das Gedicht „Jahrgang 1899“. Es ist - wie einige Jahre vorher Brechts „Vom armen B. B.“ und fast vierzig Jahre später der poetische Bericht „Kleckerburg“ von Günter Grass - das Gedicht einer ganzen Generation. Die entscheidende Strophe lautet:

          Wir haben der Welt in die Schnauze geguckt,
          anstatt mit Puppen zu spielen.
          Wir haben der Welt auf die Weste gespuckt,
          soweit wir vor Ypern nicht fielen.


          So erwies sich auch Kästner als ein Sprecher - um den von Hemingway popularisierten Begriff zu verwenden - der „lost génération“. Daraus ist längst ein Schlagwort geworden. Aber nicht die deutschen Schriftsteller sind schuld, daß sich in Deutschland seit über einem halben Jahrhundert die verlorenen Generationen auf die Hacken treten. Ihre Repräsentanten, auch die intelligentesten und bedeutendsten, sind in der Regel für die Ideale und Losungen der radikalen politischen Bewegungen besonders empfänglich : Brecht, Anna Seghers und zeitweise auch Tucholsky gingen zu den Kommunisten, Benn war zwei oder drei ’Jahre lang von den Nazis wenn nicht fasziniert, so doch jedenfalls affiziert.

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