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Über Erich Kästner : Der Dichter der kleinen Freiheit

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Dieses Prinzip der umgekehrten Perspektive und der vertauschten Rollen hat Kastner einer ganzen Reihe von Kinderbüchern zugrunde gelegt, er hat es mit mehr oder weniger Glück und Geschick paraphrasiert, ohne freilich noch ein so vollkommenes Werk wie „Emil und die Detektive“ schaffen zu können.

„Wahr ist eine Geschichte dann, wenn sie genauso, wie sie berichtet wird, wirklich hätte passieren können“ - erklärte Kästner in der Einleitung zu „Pünktchen und Anton“ (1929). Wenn die Kinder zumindest die besten seiner Bücher als „wahr“ empfanden, so unter anderem deshalb, weil sie meist Milieus zeigten, die sie selber kannten, die ihnen längst vertraut waren. Statt der in der Kinderliteratur bevorzugten Exotik zeichnete er die unmittelbare Umwelt seiner Leser. Er ließ seine Geschichten nicht in der Antike oder im Mittelalter spielen, sondern in der Gegenwart. Und ihre Helden waren nicht Winnetou oder Lederstrumpf, Ben Hur oder Sigismund Rüstig, sondern gewitzte Kinder und Halbwüchsige der modernen Großstadt. Was sich in „Emil und die Detektive“ ereignet, passiert vor allem auf den Straßen und in den Höfen Berlins.

Neben der außergewöhnlichen Beobachtungsgabe und dem verschmitzten und ironischen und gleichwohl für Kinder immer verständlichen Humor hat zur Glaubwürdigkeit und damit zum Erfolg des „Emil“ die Reizbarkeit Kästners für die Sprache viel beitragen. Ähnlich wie Döblin in „Berlin Alexanderplatz“, wie Horvâth in seinen frühen Stücken, wie Fallada in seinen besten Romanen und Tucholsky in seinen treffendsten Feuilletons hat auch Kästner das alte und immer wieder bewährte Rezept befolgt: Er hat dem Volk aufs Maul geschaut. Er hat, wie keiner vor ihm, die Alltagssprache der Großstadtkinder belauscht und fixiert. So gesehen, war dies Buch nichts anderes als die längst fällige Hinwendung der Literatur für Kinder ebenso zu realistischen Ausdrucksmitteln wie zur überprüfbaren Realität. Es entsprach jener damals dominierenden Richtung, für die es nur eine verschwommene und fragwürdige und dennoch nicht überflüssige Bezeichnung gibt: „Emil und die Detektive“ - das ist der Kinderroman der „Neuen Sachlichkeit“.

VI

Erich Kästner hat keine gewaltigen Werke geschrieben. Er hat niemanden mit seiner Dichtung zu erlösen versucht. Niemals war es sein Ehrgeiz, die Welt zu verändern. Er hatte nicht mehr und nicht weniger zu bieten als Grazie und Esprit, Humor und Vernunft.

In der Zeit von 1933 bis 1945 hatte er, der Mann zwischen den Stühlen, sich klar entschieden. Wenn er in verschiedenen Nachschlagbüchern der deutschen Exilliteratur angeführt wird, so hat das schon seine Ordnung. Zwar war nicht er emigriert, wohl aber waren es seine Bücher, die damals in der Schweiz erschienen. Kastner ist Deutschlands Exilschriftsteller honoris causa. Er hat in jenen Jahren nichts geschrieben, dessen er sich hätte später zu schämen brauchen. Auch dies gilt es heute, da er fünfundsiebzig Jahre alt wird, dankbar und respektvoll anzuerkennen.

Er, der Sänger der kleinen Leute und der Dichter der kleinen Freiheit, gehört mittlerweile zu den Klassikern der deutschen Literatur unseres Jahrhunderts. Die Leser wissen es längst. Und die Kritiker, die Germanisten, die Literarhistoriker? Die Kästner-Bibliographie verzeichnet in der Tat neben Äußerungen von Freunden und Zeitgenossen auch einige größere Arbeiten. Sie stammen von Ausländern.

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