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Über Erich Kästner : Der Dichter der kleinen Freiheit

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Den Roman „Fabian“ hat man auf der Bauchbinde der ersten Auflage mit dem Segen Hermann Hesses versehen: „Das Zeitgemäße konnte nicht zeitloser gesagt werden.“ Gerade dies erwies sich mittlerweile als ein Irrtum. Das satirische Bild der verruchten Stadt Berlin um 1930 (“Im Osten residiert das Verbrechen, im Zentrum die Gaunerei, im Westen die Unzucht und in allen Himmelsrichtungen der Untergang“) war damals eine große literarische Tat und liest sich heute, jedenfalls zum großen Teil, nur noch historisch. Was einst kühn und aggressiv war, wirkt jetzt fast betulich, das Obszöne ist harmlos, die Provokation verpufft. „Dreigroschenoper“ etwa? Ja, aber ohne Weills Musik.

Geblieben ist der große Bogen der Parabel: Die Geschichte eines deutschen Intellektuellen, dem auf der Suche nach dem Glück kein Mephisto hilft und der sich ganz allein eine Walpurgisnacht inmitten der Großstadt bereiten will: in Kneipen und Bordellen, auf den Straßen und Rummelplätzen. So museal die satirische Zeitkritik in diesem Roman, so lebendig und sogar ergreifend, was ebenfalls zeitkritisch, doch mitnichten satirisch ist: Fabians Liebeserlebnis mit der jungen Juristin Cornelia Battenberg, eine der schönsten erotischen Geschichten, die sich in der deutschen Literatur jener Jahre finden läßt. Der ursprüngliche Titel des Buches - „Der Gang vor die Hunde“ - bezieht sich übrigens nicht nur auf Fabian, sondern auch auf seine Cornelia.

Der Roman endet mit einer, wie es heute scheint, allzu aufdringlichen parabolischen Pointe: Fabian springt ins Wasser, um einen Ertrinkenden zu retten. Doch kann er nicht schwimmen und geht unter - in einem realen Fluß, der offensichtlich den Strom der Zeit symbolisieren soll. Dieser Schluß kann indes noch anders verstanden werden. Denn jener, der gerettet werden sollte, ist ein kleiner Junge, ein Kind. Schon vorher ließ Kästner eine andere Figur des Romans sagen: „Lehrer hätte ich werden müssen, nur die Kinder sind für unsere Ideale reif.“

Die Sehnsucht nach der Kindheit gehört zu den Leitmotiven auch seiner Lyrik. Es ist die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies. Es ist nichts anderes als eine rückwärts gewandte Utopie. Auf diesem Hintergrund sind die Bücher zu sehen, denen er Weltruhm verdankt - seine Romane für Kinder.

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Kästner liebt das Spiel mit vertauschten Rollen. Er hielt es oft für richtig, die Leser seiner Essays und Artikel so zu behandeln, als wären sie noch Kinder. Und er nahm die Leser seiner Kinderbücher immer so ernst, wie Erwachsene behandelt werden wollen. Auch die Romane für Kinder sind zunächst und vor allem poetische Plädoyers für die Vernunft in den Zeiten der Unvernunft.

Doch diejenigen, die in diesen Büchern die Welt vom Standpunkt des gesunden Menschenverstands beurteilen, die sich als zielstrebige Sachwalter der Vernunft und der Ordnung erweisen, das sind eben nicht die Erwachsenen, sondern die Kinder und die Halbwüchsigen. Sie verfolgen und fassen den Dieb und stellen so die Ordnung wieder her (“Emil und die Detektive“, 1928). Und nicht die Eltern erziehen ihre Kinder, sondern die Kinder ihre Eltern, die sie schließlich zur Räson bringen (“Das doppelte Lottchen“, 1949).

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