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Über Erich Kästner : Der Dichter der kleinen Freiheit

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Und das Aktuelle - das ist die Krise. „Wir leben provisorisch, die Krise nimmt kein Ende“ -- klagt der Germanist Doktor Fabian. Dieses Lebensgefühl artikulieren die Gedichte Kästners aus den Weimarer Jahren: Sie lassen die allgemeine Unsicherheit spürbar werden, sie registrieren die Symptome sowohl der politischen als auch der persönlichen, sowohl der wirtschaftlichen als auch der sexuellen Krise. Daraus ergeben sich die wichtigsten Motive seiner Lyrik: die Hilflosigkeit des Individuums und die Enttäuschung der mißbrauchten Generation, Arbeitslosigkeit und Kulturmüdigkeit, Resignation und Abschiedsstimmung.

Kästner hat die „möblierte Melancholie“ besungen (“Dreimal husten kostet eine Mark“) und die Langeweile der Ehe (“Man sprach sich aus. Man hat sich ausgeschwiegen“). Er hat die deutschen Nationalisten mit dem Gedicht „Die andre Möglichkeit“ herausgefordert; es beginnt mit der Zeile: „Wenn wir den Krieg gewonnen hätten“ und schließt mit den Worten: „Zum Glück gewannen wir ihn nicht!“ Ihm gelang es, das alte deutsche Sinngedicht wiederzubeleben und zumindest einige vollendete Epigramme zu schaffen, wie etwa dieses mit dem Titel „Moral“:

Es gibt nichts Gutes außer: Man tut es.

Der Titel Falladas „Kleiner Mann, was nun?“ ist zugleich das Motto der Lyrik Kästners. Ihr Personal - das sind die kleinen Leute, die verlassenen Mädchen und die einsamen Männer, die braven Muttchen und dummen Nuttchen, die armen Kellner und die müden Stehgeiger, die Zukurzgekommenen und die Benachteiligten, die Verstoßenen und die Enttäuschten, die Erniedrigten und die Beleidigten. Sie erkannten sich in seinen Versen wieder.

Freilich hat ihr außergewöhnlicher Publikumserfolg noch ganz andere Gründe. Kästner wollte die deutsche Innerlichkeit mitten ins Herz treffen. Doch auch viele seiner eigenen Strophen tendieren zu diskreter Innerlichkeit. Er fürchtete das Pathos mehr als die Banalität und die großen Worte mehr als die sanften Töne. In manchen dieser Gedichte näherte er sich der authentischen Larmoyanz und der baren Sentimentalität, die er mit witzigen Pseudozynismen tarnen wollte. Und auch auf Kalauer wollte er bisweilen nicht verzichten: „Nun senkst du deine Lider ohne Worte ...“

Daher mag die sich bisweilen aufdrängende Frage, ob man es denn bei vielen dieser Songs und Chansons, Balladen und Bänkellieder, Pamphlete und Zeitgedichte eher mit Kunstgewerbe als mit Kunst zu tun habe, verständlich sein. Aber die Frage ist, scheint mir, falsch gestellt. Denn eine Kunst, die programmatisch auf praktische Anwendbarkeit aus ist, hat immer auch etwas Kunstgewerbliches; und ein Kunstgewerbe von so hoher Meisterschaft ist zugleich immer auch Kunst.

„Dieser linke Radikalismus ist genau diejenige Haltung, der überhaupt keine politische Aktion mehr entspricht“, schrieb Walter Benjamin 1931 aus Anlaß des Bandes „Ein Mann gibt Auskunft“. Es ist der treffendste Satz in einer sonst von ideologischer Verblendung zeugenden Kritik. Aber was Benjamin für einen unverzeihlichen Makel hielt, scheint heute eher ein Vorzug der Lyrik Erich Kästners.

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