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Über Erich Kästner : Der Dichter der kleinen Freiheit

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III

In den zwanziger Jahren, als es darum ging, den Lesern, die von traklscher Trauer, vom rilkeschen Rhythmus und vom georgeschen Gepränge begeistert und betört waren und vom expressionistischen Schrei genug hatten, eine Dichtung schmackhaft zu machen, die deutsch und dennoch nützlich wäre, als Poesie für den Alltag das Gebot der Stunde hieß, da war Kästner einer von jenen „Gebrauchspoeten“, die „Gebrauchslyrik“ zu liefern entschlossen waren. Gedichte sollten, meinte er 1928, „seelisch verwendbar“ sein, er verstand sie als Notizen „im Umgang mit den Freuden und Schmerzen der Gegenwart“, wogegen ihm „die Bekanntgabe persönlicher Stimmungen“ geradezu verwerflich schien.

Das, was er schrieb, war manchmal Dichtung, I doch um zu dichten, schrieb er nie. Er meinte Lessing, aber es gilt auch für ihn selber. Was seine Protokolle aus dem Leben der modernen Großstadt zunächst auszeichnet, ist ihre auf dem Hintergrund der deutschen Lyrik gar nicht so selbstverständliche Unmittelbarkeit und Deutlichkeit. Goethe empfahl spöttisch die Geheimniskrämerei, denn: „Wenn man dem Menschen gleich und immer sagt, worauf es ankommt, so denkt er, es sei nichts dahinter.“ Der Lyriker Kästner wagte es, gleich und immer zu sagen, worauf es ihm ankam. Unzählige Leser waren ihm dafür dankbar; nur daß viele Kritiker es ihm nicht verzeihen wollten.

Die kunstvolle Machart dieser melodischen und oft einschmeichelnden Verse ist nie recht anerkannt worden. Gewiß, die formale Erneuerung der Poesie war seine Sache nicht. Es sei bestimmt schwerer - ließ er eine Komödienfigur sagen -, „mit üblichen Mitteln etwas zu sagen als mit Tricks“. Von Stilakrobatik wollte er nichts wissen: „Mit der Sprache seiltanzen, das gehört ins Varieté.“ Meist verließ er sich auf die herkömmlichsten und populärsten Formen der deutschen Lyrik, zumal auf die vierzeilige und sechszeilige Strophe mit Reim und regelmäßigem Rhythmus.

Doch die alten Schläuche füllte er mit neuem Wein. In der traditionellen, oft volksliedhaften Strophe tauchte die saloppe Umgangssprache der späten zwanziger Jahre auf: idiomatische Ausdrücke und Alltagsphrasen, Zeitungswendungen und Reklameslogans, auch der Behörden jargon, auch der Slang der Militärs. In dieser Poesie ist die Rede von Schreibmaschinen und Schinkenbroten, von Krediten und Bilanzen, von Bardamen und Klosetts, von Gonokokken und Abtreibungen.

Die stärksten Effekte erzielte Kästner mit persiflierten Zitaten aus den Klassikern und gelegentlich aus Opernlibrettos. „Wir winden keine Jungfernkränze mehr. / Wir überwanden sie mit viel Vergnügen“ - heißt es im „Chor der Fräuleins“. Und das berühmteste Beispiel: „Kennst du das Land, wo die Kanonen blühn?“ Die Zitatparaplyasen sind exemplarisch für Kästners am häufigsten angewandtes Prinzip: die Übernahme des Konventionellen für die (möglichst überraschende) Mitteilung des Aktuellen.

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