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Über Erich Kästner : Der Dichter der kleinen Freiheit

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Und Kästner? „Ich hasse Ideologien, welcher Art sie immer sein mögen. Ich bin ein überzeugter Individualist.“ Er hat dies 1969 gesagt, doch damit nur ausgedrückt, was schon sein Werk der zwanziger Jahre erkennen läßt. Während andere das Bedürfnis hatten, sich einzureihen, bei einer politischen Organisation Schutz zu suchen oder sich mit ihr gar zu identifizieren, blieb Kästner - wie der Titelheld seines Romans „Fabian“ (1931) - zwischen den Fronten und Parteien.

„Ich setze mich sehr gerne zwischen Stühle. / Ich säge an dem Ast, auf dem wir sitzen“, heißt es in seinem „Kurzgefaßten Lebenslauf“ aus dem 1930 erschienenen Band „Ein Mann gibt Auskunft“. Folgerichtig betitelte er seine nächste Lyriksammlung „Gesang zwischen den Stühlen“ (1932). Später griff er auf den Shakespeareschen Vergleich der Welt mit dem Theater zurück, um zu sagen: Ich spiel’ nicht mit. In jedem Stück / muß es auch Menschen, die bloß zuschaun, geben.

Dieser schon in Kästners frühen Jahren auffallende Rückzug auf die Position ausschließlich des Zeugen, des kritischen Beobachters und ironischen Kommentators gab seinem Werk von vornherein eine (von ihm freilich kokett betonte) melancholische Note. Er stellte sich gern als Moralist vor, genoß offensichtlich den Gegensatz zwischen der betulichen und feierlichen Aura dieses Terminus und der kessen und schnoddrigen Diktion seiner Verse und seines „Fabian“ und sprach (wiederum nicht ohne Koketterie) von der Vergeblichkeit der Bemühungen des Moralisten: „Sein angestammter Platz ist und bleibt der verlorene Posten.“

Kästner ist also ein Moralist ohne Illusionen. Und auch ohne Programm? Gewiß, es hieße sein Werk verkennen und überfordern, wollte man ihm mit philosophischen oder politischen Kategorien beikommen. Gleichwohl hat es eine zwar simpel anmutende, doch solide Basis: Es ist Kästners schwermütiger Rationalismus, es ist sein von ihm immer wieder angezweifeltes und doch nie aufgegebenes Vertrauen zur ethischen Kraft der Vernunft und zur moralischen Wirkung der Ordnung.

Ähnlich wie Heinrich Mann, wie Feuchtwanger ist auch er in die Vokabel „Vernunft“ geradezu verliebt, sie mutet in seinen Schriften bisweilen wie ein Fetischwort an: „Erkannte man, daß die Vernunft das Vernünftigste war?“ fragt er im „Fabian“. Der Glaube an den gesunden Menschenverstand ist allerdings bei diesem späten Nachfahren der deutschen Aufklärung von Naivität und Treuherzigkeit nicht ganz frei. Doch ist es dieser Glaube, der ihn vor ideologischen Scheuklappen bewahrt und der es ihm ermöglicht hat, nicht nur gegen Heuchelei und Borniertheit zu protestieren, sondern auch gegen „Religion als Politik und Politik als Religion“.

Seine beharrliche Ablehnung der ideologischen Rezepte traf logischerweise in allen Parteien, gelinde gesagt, auf wenig Gegenliebe. Das scheinbar so harmlose Gedicht „Und wo bleibt das Positive, Herr Kästner?“ ist in diesem Zusammenhang zu sehen. Aber damit hat es auch zu tun, daß viele seiner Gedichte aus der Weimarer Zeit bis heute überlebt haben und einige sogar überraschend aktuell sind.

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