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Über Brechts „Erinnerung an die Marie A.“ : Das dialektische Liebesgedicht

  • -Aktualisiert am

Bertolt Brecht Bild: picture alliance / dpa

„So vergänglich die Liebe auch sein mag, sie verschwindet nun doch nicht ganz“: Im September 1977 liest Marcel Reich-Ranicki in der „Frankfurter Anthologie“ Brechts „Erinnerung an die Marie A.“

          2 Min.

          Wenn man einer Eintragung Brechts in seinem Notizbuch trauen kann, hat er dieses Gedicht im Zugabteil geschrieben, während einer Fahrt nach Berlin. Es war kurz nach dem Ersten Weltkrieg, er war knapp 22 Jahre alt. Für das Drama suchte er damals neue Wege, in der Lyrik hingegen hielt er sich vor allem an die Tradition. Oft befolgte er hier, sorgfältig und souverän zugleich, strenge Regeln der klassischen Poetik. Alte und bewährte Schläuche füllte der junge Poet mit neuem Wein.

          Das Gedicht „Erinnerung an die Marie A.“ besteht aus drei Stanzen oder auch Oktaven, jeder der 24 Verse hat elf Silben und den fünftaktigen jambischen Rhythmus, in jeder Strophe reimt sich der zweite Vers mit dem vierten und der sechste mit dem achten, wobei alle Reimpaare „männlich“ sind.

          Aber so klassisch die Form, so mutet doch die erste Strophe romantisch-volksliedhaft an. Der sich sentimental erinnernde Poet schweigt in Adjektiven, einfachen eher und gefühlsbetonten: Was sich in diesem blauen Mond September unter einem schönen Sommerhimmel abspielte und woran er offenbar nicht ungern denkt, war jung und hold, still und bleich. Doch in den letzten drei Versen der ersten Oktave verzichtet Brecht plötzlich auf die Attribute, vielmehr wiederholt er dreimal ein kurzes, dunkel klingendes Zeitwort: „war“. Der Schluß der Strophe kündigt gleichsam warnend den Inhalt der zweiten an: Sie folgt auf die erste wie die Antithese auf die These.

          Es sind nicht nur viele Monde inzwischen vergangen, auch die Liebe ist „still hinunter und vorbei“, jene jungen Pflaumenbäume gibt es ebenfalls nicht mehr, der Dichter kann sich an nichts erinnern, nicht einmal an das Gesicht der Geliebten. War es etwa ironisch gemeint, daß er sie in seinem Arm „wie einen holden Traum“ gehalten habe?

          Der letzte Vers der zweiten Strophe relativiert den düsteren Befund: Immerhin kann der Dichter nicht vergessen, daß er dieses Gesicht geküßt hat. Und damit ist wieder auf die nächste und letzte Strophe verwiesen, die, der Hegelschen Dialektik getreu, nach der These und Antithese nun die Synthese bietet.

          Auch den Kuß hätte er, gesteht der skeptische Poet, längst vergessen, wenn nicht die Wolke am Himmel, von der es noch einmal heißt, daß sie sehr weiß war. Aber er hat in seinem Leben unendlich viele Wolken gesehen. Warum also erinnert er sich gerade an diese, die nur Minuten „blühte“? Doch nur deshalb, weil er damals sie, „die stille bleiche Liebe“, in seinem Arm hielt und küßte. Was er in der zweiten Strophe mit betonter Sachlichkeit behauptete - „Ich kann mich nicht erinnern“ -, ist hier in der dritten indirekt widerlegt. Während er vorher nüchtern vermutete, daß die Pflaumenbäume wohl inzwischen abgehauen seien, hofft er jetzt, daß sie noch immer blühen. Den ursprünglichen, etwas kokett anmutenden Titel des Gedichts (“Sentimentales Lied No. 1004“) hat Brecht verworfen.

          Sollte die Wolke - „sie war sehr weiß und kam von oben her“ - in diesem Gedicht die Liebe symbolisieren, ihre Reinheit und zugleich ihre Vergänglichkeit? Dann wäre gar die Liebe, wie einst in einer Operette gesungen wurde, eine Himmelsmacht? „Die weiß ich noch und werd ich immer wissen“ - heißt es von jener Wolke. Und das soll wohl bedeuten: So vergänglich die Liebe auch sein mag, sie verschwindet nun doch nicht ganz. Denn es bleibt die Erinnerung und vielleicht auch Dankbarkeit. Im Titel des Gedichts ist ja nicht von einem Pflaumenbaum und eben nicht von jener Wolke die Rede, sondern von einer Frau. Er hat sie nicht vergessen, sie und das Septembererlebnis werden ihm nie mehr aus dem Sinn kommen. Ihr sind diese Zeilen gewidmet.

          Bertolt Brecht: Erinnerung an die Marie A.

          1
          An jenem Tag im blauen Mond September
          Still unter einem jungen Pflaumenbaum
          Da hielt ich sie, die stille bleiche Liebe
          In meinem Arm wie einen holden Traum.
          Und über uns im schönen Sommerhimmel
          War eine Wolke, die ich lange sah
          Sie war sehr weiß und ungeheuer oben
          Und als ich aufsah, war sie nimmer da.

          2
          Seit jenem Tag sind viele, viele Monde
          Geschwommen still hinunter und vorbei.
          Die Pflaumenbäume sind wohl abgehauen
          Und fragst du mich, was mit der Liebe sei?
          So sag ich dir: Ich kann mich nicht erinnern
          Und doch, gewiß, ich weiß schon, was du meinst
          Doch ihr Gesicht, das weiß ich wirklich nimmer
          Ich weiß nur mehr: ich küßte es dereinst.

          3
          Und auch den Kuß, ich hätt ihn längst vergessen
          Wenn nicht die Wolke dagewesen wär
          Die weiß ich noch und werd ich immer wissen
          Sie war sehr weiß und kam von oben her.
          Die Pflaumenbäume blühn vielleicht noch immer
          Und jene Frau hat jetzt vielleicht das siebte Kind
          Doch jene Wolke blühte nur Minuten
          Und als ich aufsah, schwand sie schon im Wind.

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