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Bemerkungen zu unserer Frankfurter Anthologie : Der Dichtung eine Gasse

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Zum Anfang: Goethe (Holzschnitt von M. Ph. LeBas, Paris 1838) Bild: picture alliance /

„Was sie erreichen möchte, mag zwar altmodisch und pathetisch klingen oder donquichottesk anmuten, doch ist es sachlich und nüchtern gemeint. Dieses Ziel lautet: Der Dichtung eine Gasse.“ Zur Begründung der „Frankfurter Anthologie“ im Juni 1974.

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          Vielleicht trifft es zu, daß die deutsche Lyrik stirbt. Aber noch ist sie nicht tot. Noch gibt es viele Menschen, die das Bedürfnis haben, Gedichte zu schreiben. Gibt es auch in deutschen Landen Menschen, die das Bedürfnis haben, Gedichte zu lesen?

          Noch gibt es Zeitungen und Zeitschriften, die gelegentlich (doch immer seltener) Verse drucken. Wenn beim Umbruch eine Lücke entsteht, die rasch gefüllt werden muß, erinnern sich deutsche Redakteure der holden Dichtkunst.

          Noch gibt es Verleger, die mitunter einen dünnen Lyrikband auf den Markt bringen. Gibt es auch Käufer dieser Bände? Die Verleger bestreiten es so melancholisch wie energisch. Aber sie sind bekanntlich nicht Hohepriester der Kunst, sondern nüchterne Kaufleüte. Also werden sie schon ihre Gründe haben, und zwar kommerzielle. Wollen sie etwa den Lyriker an ihr Haus binden (oder in ihrem Haus festhalten), weil sie sich von ihm etwas Verkäufliches versprechen - einen Roman, ein Sachbuch oder ein Theaterstück?

          Noch gibt es deutsche Gedichtbände, die zur allgemeinen Verblüffung in kurzer Zeit sogar Zehntausende von Abnehmern finden. So war es 1965, als Wolf Biermanns „Drahtharfe“ publiziert wurde, so 1969 als Peter Handkes „Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt“ erschien. Freilich hatte das ungewöhnlich starke Echo in beiden Fällen viel mit außerliterarischen Umständen zu tun. Doch wie bemerkenswert derartige Erfolge auch sind, sowenig können sie die traurige Diagnose widerlegen: schlechte Zeit für Lyrik. Erst heute?

          „Schlechte Zeit für Lyrik“ ist der Titel eines Gedichts keineswegs aus unserer Zeit. Es stammt von Bertolt Brecht und wurde Ende der dreißiger Jahre geschrieben. Man wird sagen: Das gilt nicht. Denn es waren finstere Zeiten, zumal für Brecht, der, verjagt mit gutem Grund, die Länder öfter als die Schuhe wechseln mußte und für den ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen war.

          In der Weimarer Republik da sah es natürlich ganz anders aus, da hatte die Dichtung ihre große Stunde. 1927 war Brechts „Hauspostille“ erschienen, Tucholsky rühmte die Sammlung in der „Weltbühne“ und sagte am Ende: „Er und Gottfried Benn scheinen mir die größten lyrischen Begabungen zu sein, die heute in Deutschland leben.“ Das waren andere Zeiten, da wurden die Dichter noch auf gebührende Weise anerkannt. Wirklich?

          1926 schrieb Benn: „Bei meiner ersten Publikation war ich 25 Jahre alt, in diesem Monat wurde ich 40, es handelt sich also um 15 Jahre, und ich zählte vollkommen genau alles zusammen, was ich je an Honoraren für Bücher, einschließlich Gesammelte Schriften, Feuilletons, Nachdruck, Übernahme in Anthologien, mit einem Wort infolge der Papier- und Verlagsindustrie vereinnahmt habe: es sind 975 Mark... Mit diesen 975 Mark bin ich übersetzt ins Französische, Englische, Russische, Polnische und in lyrische Anthologien Amerikas, Frankreichs und Englands übergegangen.“ Auch damals also: schlechte Zeit für Lyrik.

          Und im wilhelminischen Deutschland, in der Epoche, in der Rilke, George und Hofmannsthal dichteten und Heym und Trakl zu schreiben begannen? War dies die gute Zeit für die Poesie? 1910 erklärte Hermann Hesse, er habe „aufgehört, für Dinge zu arbeiten, nach denen niemand fragt, und zu denen gehört die Lyrik. Kaum unsere drei, vier besten, wirklich originellen Lyriker finden Leser, die ungeheure Menge der anderen Talente schreibt nur für Kollegen! Das ist schade, da viel Schönes an Versen erscheint, aber sowenig ich mir dadurch meine eigene Freude am Verselesen und am Versemachen verderben lasse, sowenig habe ich mehr Lust und Mut, in dieser Sache tauben Ohren zu predigen. Meine Erfahrung ist, daß beim guten Leser des guten Durchschnitts das Bedürfnis nach lyrischer Lektüre durch die Anthologien reichlich gestillt wird.“

          Wie man sieht, hatten es die deutschen Dichter auch damals gar nicht so leicht. Sicher ist jedenfalls, daß die Poesie immer schon Sache lediglich einer Minderheit war. Freilich scheint diese Minderheit heute erheblich kleiner als vor fünfzig oder gar hundert Jahren.

          Woran kann das liegen? Etwa daran, daß man Lyriker vom Format eines Benn oder Brecht heute vergeblich sucht? Hängt es vielleicht damit zusammen, daß die moderne Dichtung oft sehr schwierig ist, daß viele Verse von Paul Celan - aber auch manche von Peter Huchel oder Günter Grass - zunächst unverständlich scheinen? Sind die Schulen mitschuldig, die einst viel getan haben, um die Poesie der Jugend zugänglich zu machen, während man heute eifrig bemüht ist, die Literatur möglichst ganz aus dem Unterricht zu verbannen? Leben wir etwa in einer amusischen Epoche? Oder sollte es gar so sein, daß jenes früher vorhandene Bedürfnis nach Lyrik in unseren Tagen oft durch die Musik gedeckt wird, daß manche also, statt Rilke oder Trakl zu lesen, lieber Mahler oder Bartok hören?

          Welche Gründe sie auch haben mag - und daß sie sich gegenseitig mitnichten ausschließen, liegt auf der Hand -, die Situation ist unverkennbar, das beliebte Wort „Krise“ drängt sich auf. Dennoch, nein, eben deshalb beginnen wir heute mit einer neuen Rubrik - mit unserer „Frankfurter Anthologie“. Sie ist der deutschen Lyrik gewidmet und sie wendet sich an jenen Teil unserer Leserschaft - und sei es auch nur eine Minderheit -, dem die Dichtkunst noch nicht gleichgültig ist.

          Anthologien sind zunächst einmal freundliche Einladungen zur Lektüre und persönliche und meist enthusiastische Bekenntnisse zur Literatur. Sie erweisen sich als individuelle Offerten und subjektive Plädoyers in einem. Anthologisten wollen anregen und amüsieren, Auskunft erteilen und auch ein wenig provozieren. Sie werben um Aufmerksamkeit für ihre Schützlinge, die Poeten.

          So soll hier dem Leser wenigstens in einer Auswahl geboten werden, was er vollständig zur Kenntnis zu nehmen kaum bereit wäre. Vor allem werden wir in der „Frankfurter Anthologie“ neue Lyrikbände zeitgenössischer Autoren mit jeweils einem charakteristischen Gedicht vorstellen. Doch in einer Zeit, in der die literarische Tradition oft genug als „bürgerlicher“ Zauber abgetan wird und manche sich bemühen, die überlieferten Werke kurzerhand vom Tisch zu fegen, scheint es dringend nötig, in unserer Anthologie an die deutsche Lyrik auch der Vergangenheit zu erinnern.

          Die Verse, die wir abdrucken, hat jeweils ein Lyriker, Kritiker oder Literarhistoriker vorgeschlagen, der seine Entscheidung in einem kurzen Kommentar begründet. Der Leser soll erfahren, warum derjenige, der das Gedicht ausgewählt hat, es für gut hält. So wird dem lyrischen Produkt gleich eine Interpretation, wenn auch eine sehr persönliche, folgen. Aber soll man Verse zerpflücken, darf man es? Hierzu schrieb Brecht: „Wer das Gedicht für unnahbar hält, kommt ihm wirklich nicht nahe. In der Anwendung von Kriterien liegt ein Hauptteil des Genusses. Zerpflücke eine Rose und jedes Blatt ist schön.“

          Wir beginnen unsere Anthologie mit einem in Frankfurt geborenen Dichter, was als Bekenntnis zu verstehen ist, zwar nicht unbedingt zu dieser Stadt, wohl aber zur Tradition der deutschen Lyrik. Zum Anfang also Johann Wolfgang von Goethe. Um die Interpretation baten wir den Nestor der deutschen Germanistik: Benno von Wiese. Es folgt ein Perser, der gleichwohl ein deutscher Poet ist: Cyrus Atabay. Interpretation: Marie Luise Kaschnitz.

          Was unsere „Frankfurter Anthologie“ erreichen möchte, mag zwar altmodisch und pathetisch klingen oder donquichottesk anmuten, doch ist es sachlich und nüchtern gemeint. Dieses Ziel lautet: Der Dichtung eine Gasse.

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