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Bemerkungen zu unserer Frankfurter Anthologie : Der Dichtung eine Gasse

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Wie man sieht, hatten es die deutschen Dichter auch damals gar nicht so leicht. Sicher ist jedenfalls, daß die Poesie immer schon Sache lediglich einer Minderheit war. Freilich scheint diese Minderheit heute erheblich kleiner als vor fünfzig oder gar hundert Jahren.

Woran kann das liegen? Etwa daran, daß man Lyriker vom Format eines Benn oder Brecht heute vergeblich sucht? Hängt es vielleicht damit zusammen, daß die moderne Dichtung oft sehr schwierig ist, daß viele Verse von Paul Celan - aber auch manche von Peter Huchel oder Günter Grass - zunächst unverständlich scheinen? Sind die Schulen mitschuldig, die einst viel getan haben, um die Poesie der Jugend zugänglich zu machen, während man heute eifrig bemüht ist, die Literatur möglichst ganz aus dem Unterricht zu verbannen? Leben wir etwa in einer amusischen Epoche? Oder sollte es gar so sein, daß jenes früher vorhandene Bedürfnis nach Lyrik in unseren Tagen oft durch die Musik gedeckt wird, daß manche also, statt Rilke oder Trakl zu lesen, lieber Mahler oder Bartok hören?

Welche Gründe sie auch haben mag - und daß sie sich gegenseitig mitnichten ausschließen, liegt auf der Hand -, die Situation ist unverkennbar, das beliebte Wort „Krise“ drängt sich auf. Dennoch, nein, eben deshalb beginnen wir heute mit einer neuen Rubrik - mit unserer „Frankfurter Anthologie“. Sie ist der deutschen Lyrik gewidmet und sie wendet sich an jenen Teil unserer Leserschaft - und sei es auch nur eine Minderheit -, dem die Dichtkunst noch nicht gleichgültig ist.

Anthologien sind zunächst einmal freundliche Einladungen zur Lektüre und persönliche und meist enthusiastische Bekenntnisse zur Literatur. Sie erweisen sich als individuelle Offerten und subjektive Plädoyers in einem. Anthologisten wollen anregen und amüsieren, Auskunft erteilen und auch ein wenig provozieren. Sie werben um Aufmerksamkeit für ihre Schützlinge, die Poeten.

So soll hier dem Leser wenigstens in einer Auswahl geboten werden, was er vollständig zur Kenntnis zu nehmen kaum bereit wäre. Vor allem werden wir in der „Frankfurter Anthologie“ neue Lyrikbände zeitgenössischer Autoren mit jeweils einem charakteristischen Gedicht vorstellen. Doch in einer Zeit, in der die literarische Tradition oft genug als „bürgerlicher“ Zauber abgetan wird und manche sich bemühen, die überlieferten Werke kurzerhand vom Tisch zu fegen, scheint es dringend nötig, in unserer Anthologie an die deutsche Lyrik auch der Vergangenheit zu erinnern.

Die Verse, die wir abdrucken, hat jeweils ein Lyriker, Kritiker oder Literarhistoriker vorgeschlagen, der seine Entscheidung in einem kurzen Kommentar begründet. Der Leser soll erfahren, warum derjenige, der das Gedicht ausgewählt hat, es für gut hält. So wird dem lyrischen Produkt gleich eine Interpretation, wenn auch eine sehr persönliche, folgen. Aber soll man Verse zerpflücken, darf man es? Hierzu schrieb Brecht: „Wer das Gedicht für unnahbar hält, kommt ihm wirklich nicht nahe. In der Anwendung von Kriterien liegt ein Hauptteil des Genusses. Zerpflücke eine Rose und jedes Blatt ist schön.“

Wir beginnen unsere Anthologie mit einem in Frankfurt geborenen Dichter, was als Bekenntnis zu verstehen ist, zwar nicht unbedingt zu dieser Stadt, wohl aber zur Tradition der deutschen Lyrik. Zum Anfang also Johann Wolfgang von Goethe. Um die Interpretation baten wir den Nestor der deutschen Germanistik: Benno von Wiese. Es folgt ein Perser, der gleichwohl ein deutscher Poet ist: Cyrus Atabay. Interpretation: Marie Luise Kaschnitz.

Was unsere „Frankfurter Anthologie“ erreichen möchte, mag zwar altmodisch und pathetisch klingen oder donquichottesk anmuten, doch ist es sachlich und nüchtern gemeint. Dieses Ziel lautet: Der Dichtung eine Gasse.

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