https://www.faz.net/-gr0-11pkk

Maigret-Marathon 71 : Der Weinhändler

Bild: Diogenes

75 Maigret-Romane hat Georges Simenon geschrieben. Gerade erscheinen sie in revidierter Übersetzung auf deutsch, chronologisch geordnet, ein Roman pro Woche. Tilman Spreckelsen liest mit und vervollständigt das Porträt eines epochalen Kriminalisten.

          75 Maigret-Romane hat Georges Simenon geschrieben. Jetzt erscheinen sie in revidierter Übersetzung auf deutsch, chronologisch geordnet, ein Roman pro Woche. Tilman Spreckelsen liest mit. (Siehe auch: Warum ich jede Woche einen Maigret-Roman lesen werde)

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Wer gar nichts von Simenons Leben weiß, kennt doch immerhin jenen einen Satz, in dem der Autor mit der Zahl seiner Liebespartnerinnen prahlt. Hier nun schimmert die Kehrseite auf. Denn jener Weinhändler, der gleich zu Beginn des Romans sein Leben lassen muss und daher nur aus der Perspektive seiner Umgebung betrachtet wird, sammelte offenbar manisch erotische Kontakte und neigte nach Aussagen aller Beteiligten dazu, die betreffenden Personen ihre Unterlegenheit spüren zu lassen: Dem Selbstbild nach ein reicher, mächtiger Mann, neben dem alle anderen schiere Würstchen sind. Dass seine ob der zahlreichen Seitensprünge äußerst gelassene Frau den Gatten nicht groß betrauert, sondern kühl die Übernahme der Geschäftstätigkeit vorbereitet, ist eine hübsche Pointe dieser Konstellation. Und auch, dass man ahnt, wie großartig sie dieses Geschäft führen wird.

          Die Handlung in einem Satz: Ein Weinhändler wird ermordet, und weil er, wie sich herausstellt, jeden und jede äußerst schlecht behandelte, muss sich Maigret mit einer Vielzahl Verdächtiger auseinandersetzen.

          Spielt in: Paris

          Neues über Maigret: Er rasiert sich nass.

          Und Frau Maigret? Diesmal nichts.

          Konsum geistiger Getränke: Branntwein. Grog. Rum. Bier. Bordeaux. Schlehenwasser. Cognac.

          Der Mörder, ein Eichhörnchen

          Diesmal muss sich Maigret mehr als sonst in Geduld üben. Ein schönes Bild dafür ist ein Erlebnis, das er in seinem Wochenendhaus in Meung hatte, als er beim Dämmern im Liegestuhl plötzlich ein Eichhörnchen aus der Nähe sah und es durch stures Abwarten dazu brachte, noch etwas näher zu kommen. Dass es sich hier mit dem Mörder ähnlich verhält, ahnt Maigret bald, und es gibt eine ganze Reihe schöner Szenen, die zeigen, wie dieser Mörder eichhörnchenhaft entwischt, sobald irgendjemand den Versuch unternimmt, sich ihm zu nähern. Am Ende sitzt man dann doch in Ruhe beisammen, und die Dinge nehmen ihren Lauf. Und trotz des langwierigen Zähmens lässt Maigret dem geständigen Mörder für den Transport ins Kommissariat Handschellen anlegen.

          Lieblingssatz: „Mord aus Rache für eheliches Unglück kam immer seltener vor, erst recht in besseren Kreisen.“

          Weitere Themen

          Verleihung der Carl-Zuckmayer-Medaille Video-Seite öffnen

          Robert Menasse : Verleihung der Carl-Zuckmayer-Medaille

          Für seine Verdienste um die deutsche Sprache würdigte Malu Dreyer den Autor Robert Menasse „als großen Erzähler der Gegenwart“, der seit mehr als drei Jahrzehnten nicht aus der deutschsprachigen Literatur wegzudenken sei.

          Der Steiger geht

          „Tatort“ aus Dortmund : Der Steiger geht

          Verdächtige Grabung im falschen Revier: Der Dortmund-„Tatort - Zorn“ baut lieber auf eine übersteigerte Parallelerzählung, als seinem Zentralmotiv zu vertrauen.

          Matera ist neue Kulturhauptstadt Video-Seite öffnen

          Gemeinsam mit Plowdiw : Matera ist neue Kulturhauptstadt

          Die zum Unesco-Weltkulturerbe zählende Höhlenstadt läutete ein 48 Wochen umspannendes Kulturprogramm ein, das Ausstellungen, Konzerte, Wettbewerbe und andere Veranstaltungen umfasst.

          Topmeldungen

          Streit über Seehofer-Vorstoß : „Jede dritte Abschiebung ist gescheitert“

          Im Koalitionsstreit über den Vorschlag, Abschiebehäftlinge in normalen Gefängnissen unterzubringen, stellen sich Unionspolitiker hinter den Innenminister. Ausreisepflichtige Ausländer seien oft nicht auffindbar, sagte Innenpolitiker Schuster der F.A.Z. Doch die SPD hat Bedenken.

          Brexit-Debakel : Jetzt wird der Brexit lästig

          Nach der Chaos-Woche in London steht die britische Regierung jetzt endgültig im Regen. Doch politisch sind viele Akteure Lichtjahre voneinander entfernt. Wie lange noch?

          Tech-Konferenz DLD : Die Vermessung des Webs

          Mit der Seite im Bild fing alles an. Vor nur knapp 30 Jahren gab es nur einen Server und eine Website. Heute verbindet das Internet die halbe Welt. Wir machen die Entwicklung des Netzes erlebbar.
          Kommt der Aufschnitt bald nicht mehr von echten Tieren, sondern aus dem Labor?

          Tech-Konferenz DLD : 190 Dollar für 100 Gramm Wurst

          Wie kann die wachsende Weltbevölkerung in Zukunft ernährt werden? Eine vielversprechende Idee ist Fleischersatz aus dem Labor. Doch noch ist das ziemlich teuer.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.