https://www.faz.net/-gr0-11phs

Maigret-Marathon 70 : Der Messerstecher

Bild: Diogenes

75 Maigret-Romane hat Georges Simenon geschrieben. Gerade erscheinen sie in revidierter Übersetzung auf deutsch, chronologisch geordnet, ein Roman pro Woche. Tilman Spreckelsen liest mit und vervollständigt das Porträt eines epochalen Kriminalisten.

          75 Maigret-Romane hat Georges Simenon geschrieben. Jetzt erscheinen sie in revidierter Übersetzung auf deutsch, chronologisch geordnet, ein Roman pro Woche. Tilman Spreckelsen liest mit. (Siehe auch: Warum ich jede Woche einen Maigret-Roman lesen werde)

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.


          Hin und wieder relativiert ein Blick in alte Bücher neue Aufgeregtheiten - etwa, wenn man sich die Klagen von Maigrets Freund, dem Arzt Pardon zu Gemüte führt, die in dem 1969 beendeten Roman „Maigret und der Messerstecher“ zu finden sind: „Man will aus uns Gesundheitsbeamte machen“, klagt der Arzt, „und zwar schlechte, denn wir können dem einzelnen Patienten nciht mehr das erforderliche Minimum an Zeit widmen ... Manchmal schäme ich mich richtig, wenn ich sie fast aus der Praxis hinauskomplimentiere. Ich sehe ihren verunsicherten, fast flehenden Blick. Ich spüre, dass sie von mir etwas anderes erwarten, Fragen, gute Worte, einfach ein paar Minuten Zeit, in denen ich ganz für sie dagewesen wäre.“ Und was lehrt uns das? War früher doch nicht alles besser? Oder war es trotzdem besser, weil heute alles noch viel schlechter ist, aber die Leute haben früher genauso gejammert wie heute, weil es vor alles noch ein bißchen besser war? Und wer will das wirklich wissen? Maigret zum Beispiel. Und sein Autor, der mit dieser anfangs etwas unverbundenen Klage, dem Einstieg in seinen Roman, auf den letzten Seiten tatsächlich etwas anzufangen weiß.

          Die Handlung in einem Satz: Ein junger Mann wird auf offener Straße abgestochen, der habituell die Gespräche Fremder mit seinem Kassettenrecorder aufgenommen hat, und Maigret steht vor der Frage, ob die auf einem dieser Bänder belauschten Einbrecher den Lauscher dafür umgebracht haben.

          Spielt in: Paris, im Umfeld der Seine-Insel Saint-Louis.

          Neues über Maigret: Hier ist er 63 Jahre alt. Gerade hat man das Pensionsalter von 65 auf 68 Jahre heraufgesetzt. Er hat früher einmal an der Place des Vosges gewohnt, als er schon verheiratet war. Schnecken isst er gern.

          Und Frau Maigret? Hat jetzt seit einem Jahr den Führerschein, aber richtig gern fährt sie nicht. In Fragen von Kosmetika ist sie keine Expertin, sie verwendet allenfalls ein wenig Puder.

          Konsum geistiger Getränke: Calvados, Whisky, Sancerre, Bier, Cognac, Vouvray, Pouilly-Fuissé.

          Der Mann, dem nicht zu helfen ist

          Wenn einer grüne Tinte benutzt, stimmt etwas nicht mit ihm, weiß Maigret. Wenn einer mit grüner Tinte einen Bekennerbrief an die Zeitung schreibt, dann muss man die Sache ernst nehmen. Wenn einer, der sich mit grüner Tinte zum Mord an einem völlig Unbekannten bekannt hat, auf einmal zuhause bei Madame Maigret sitzt und geduldig auf die Rückkehr des in dieser Sache ermittelnden Kommissars wartet, dann wären andere alarmiert. Vielleicht ist Maigret das auch. Allerdings ruft er nicht die Polizei oder nimmt die Sache gleich selbst in die Hand, sondern schenkt dem Mörder, in dem er eher einen zum Mord Getriebenen sieht, ein Glas Weißwein ein. Der andere lamentiert laut über sein Elend, über das, was stärker in ihm ist als der Wille, Leben zu erhalten, und Maigret, der in den Tagen zuvor alles daran gesetzt hat, den Mann am Selbstmord zu hindern, Maigret also hört sich das an und schweigt viel. Seine Mission ist erfüllt, weiß er. Und scheint um den Gefassten beinahe mehr zu trauern als um den Erstochenen.

          Lieblingssatz: „Maigret drehte das Radio an, lächelte bei den Verkehrsmeldungen und konzentrierte sich dann auf die Nachrichten.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.