https://www.faz.net/-gr0-11pjb

Maigret-Marathon 46 : Der Minister

Bild: Diogenes

75 Maigret-Romane hat Georges Simenon geschrieben. Gerade erscheinen sie in revidierter Übersetzung auf deutsch, chronologisch geordnet, ein Roman pro Woche. Tilman Spreckelsen liest mit und vervollständigt das Porträt eines epochalen Kriminalisten.

          75 Maigret-Romane hat Georges Simenon geschrieben. Jetzt erscheinen sie in revidierter Übersetzung auf deutsch, chronologisch geordnet, ein Roman pro Woche. Tilman Spreckelsen liest mit. (Siehe auch: Warum ich jede Woche einen Maigret-Roman lesen werde)

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          „Wenn Einer schon mit 'sprechenden Namen' anfängt! Damit gesteht man den absoluten Bankerott der Phantasie ein (wie im Mittelalter, wo auch jeder Figur ein Spruchband aus dem Halse hing).“ So harsch urteilte einst Arno Schmidt über den Wilhelm Meister, und aus dem selben Grund hätte er auch „Maigret und der Minister“ verdammen können, wo ein Gutachten des verstorbenen Herrn Calame dann auch richtig Kalamitäten schafft, ein redlicher Herr Point keine Umschweife macht und von den Herren Malterre und Piquemal nichts Rechtes kommt. Keine Ahnung, ob Schmidt diesen Maigret-Roman kannte, ob er ihn überhaupt in die Hand genommen hätte nach der Erfahrung, die er mit „Maigret kämpft um den Kopf eines Mannes“ gemacht hatte. Das Buch, das er unter dem Titel „Um eines Mannes Kopf“ kennenlernte (Verlag Rudolf Hans Hammer, Wien 1948), ist ihm „ein mühsam gebastelter Kriminalreißer, und von solider Plattheit: das also das angebliche augenblickliche französische Primat in der Literatur.“ (Wie herrlich blöd Schmidt generell geurteilt hat, wenn es um die Kriminalliteratur seiner Zeit ging, kann man nachprüfen, indem man mithilfe der CD-Rom-Edition seiner Werke per Volltextsuche Begriffen wie „Maigret“ oder „Simenon“ nachgeht.)

          Die Handlung in einem Satz: Ein Dokument taucht auf und wieder ab, ein ehrenwerter Mann gerät ins Zwielicht, und das alles nur, weil ein erpresserischer Schuft in Zukunft noch mehr Strippen ziehen will als bisher.

          Spielt in: Paris, etwa 2 Jahre nach „Maigret hat Angst“ (siehe auch: Maigret-Marathon 42: Maigret hat Angst). Und eindeutig nach dem zweiten Weltkrieg.

          Neues über Maigret: Wenn er nach Hause kommt, knöpft er den Mantel schon im Treppenhaus auf (zwischen dem 2. und dem 3. Stock), die Tür öffnet sich, ohne dass er klingeln oder den Schlüssel im Schloss drehen müsste. Ein Wangenkuss, dann die stereotype Frage: „Kein Anruf?“. Er ist Patenonkel eines Sohns des Sureté-Mannes Catroux, außerdem gegen seinen Willen der Vizepräsident des Polizeihilfswerks. Er misstraut Junggesellen. Und wir erfahren endlich etwas konkreter, warum er seinerzeit nach Lucon strafversetzt worden war (siehe Maigret-Marathon 21: Im Haus des Richters) - er war irgendwie zwischen die Mühlen zweier konkurrierender Parteien geraten und war schuldig erschienen, obwohl er sich „nicht nur anständig, sondern auch absolut vorschriftsmäßig verhalten“ hatte.

          Und Frau Maigret? Wird gelegentlich von Besuchern und Anrufern mit dem Dienstmädchen verwechselt.

          Konsum geistiger Getränke: Bier. Prunelle. Selbstgebrannter Bauernschnaps. Pernod. Calvados. Cognac. Wein aus Pouilly.

          Wie, dein Vater auch?

          Dass es wieder einmal um Kinder geht, wen mag das überraschen? Zunächst sind da 128 tote Kinder, gestorben beim Einsturz eines Sanatoriums in den Bergen, und weil ein mittlerweile verstorbener Sachverständiger frühzeitig ernste Bedenken gegen den Bau angemeldet hatte, ist sein Gutachten wahrer Sprengstoff für die politischen Karrieren der Republik. Zweitens aber geht es um einen Mann, den Minister Point, der sich mehr und mehr als Spiegelbild Maigrets entpuppt. Sie eint die ländliche Herkunft, das Dasein als ehrliche Haut in einem unübersichtlichen Feld, die Wahl des Ehefrauentyps, die Vorliebe für einfache Gerichte und Getränke, und dass Points Vater wie der von Maigret „Évariste“ mit Vornamen hieß, ist des Guten dann fast schon wieder zuviel. Vor allem kann Maigret den guten Point aus einer Geschichte heraushauen, die einer gleicht, die er am eigenen Leib erlitten hat - nur dass er damals aus eigener Kraft wieder hochkommen musste ...

          Lieblingssatz: „'Man macht uns für alles verantwortlich', hat er dann gesagt, 'ohne zu begreifen, dass wir nur vorübergehend in unseren Ämtern sind, dass diejenigen, denen wir Befehle geben, genau wissen, dass sie noch am Tag vorher einen anderen Herrn gehabt haben und vielleicht schon am nächsten Tag wieder einen neuen haben werden.'“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der venezolanische Verteidigungsminister Vladimir Padrino Lopez nimmt in Maiquetia zwei russische Bomber des Typs Tu-160 in Empfang.

          Russische Bomber für Maduro : Kalter Krieg in Venezuela

          Russland hat zwei atomwaffenfähige Bomber nach Venezuela geschickt. Die Regierung in Washington ist empört. Venezuelas Verteidigungsminister versucht zu beschwichtigen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.