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Maigret-Marathon 42 : Maigret hat Angst

Bild: Natascha Vlahovic, FAZ.NET

75 Maigret-Romane hat Georges Simenon geschrieben. Jetzt erscheinen sie in revidierter Übersetzung auf deutsch, chronologisch geordnet, ein Roman pro Woche. Tilman Spreckelsen liest mit.

          75 Maigret-Romane hat Georges Simenon geschrieben. Jetzt erscheinen sie in revidierter Übersetzung auf deutsch, chronologisch geordnet, ein Roman pro Woche. Tilman Spreckelsen liest mit. Siehe auch Warum ich jede Woche einen Maigret-Roman lesen werde.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Nein, ich will gar nicht wissen, wie Simenon es mit der Ehe hielt (seine Biographie lese ich dann, wenn der Marathon zu Ende ist), aber wollte man nur von diesem Buch aus eine Meinung des Autors vermuten, dann ergäbe sich ein finsteres Bild. Einer wird von seiner angeheirateten Großfamilie gerade mal so eben geachtet, solange er viel Geld nachhause bringt, danach fallen seine Frau, deren Schwester und sogar die Schwiegertochter über ihn her. Sein Sohn, antriebsschwach und überspannt, verliebt sich in die erstbeste Kellnerin, schreibt ihr rührende Liebesbriefe und will dann gemeinsam mit ihr sterben, um seiner tristen Ehe zu entfliehen. Ein dritter hat lieber gar nicht erst geheiratet, aber auch er kümmert so vor sich hin und scheint vor der Zeit gealtert - „er hätte heiraten sollen“, sagt die kluge Frau Maigret. Das ist der letzte Satz des Romans - was ihr Mann darüber denkt, enthält Simenon uns vor.

          Die Handlung in einem Satz: Um einen alten Studienfreund zu besuchen, kommt Maigret in die Vendée-Stadt Fontenay-le-Comte, aber er findet sich rasch im Zentrum eines Mordfalls wieder.

          Spielt in: Fontenay-le-Comte

          Neues über Maigret: Er übernachtet ungern privat, lieber im Hotel. Und als er seinerzeit nach Lucon strafversetzt wurde (siehe „Maigret im Haus des Richters“), musste er dort 1 Jahr lang bleiben.

          Und Frau Maigret? Ihr Verständnis für das, was ihr Mann treibt, ist groß, hat aber seine Grenzen. In diesem Band fragt sie ihn nach Abschluss des Falles, worum es denn dabei gegangen sei. Er antwortet: „'Um jemanden, der nicht verlieren konnte.' - 'Das verstehe ich nicht.' - 'Das macht nichts. Es gibt Leute, die alles tun würden, nur um nicht abzustürzen.' 'Du wirst schon wissen, was du sagst', murmelte sie philosophisch, womit das Thema für sie erledigt war.“

          Konsum geistiger Getränke: Rotwein, Cognac, Pernod, Weißwein, Bier - das aber erst, als der Fall praktisch abgeschlossen ist.

          Könnt ihr ihn nicht einfach in Ruhe lassen? Es geht wieder einmal um das enge Geflecht unter Kleinstadtbewohnern, diesmal aber wird die Sache gefährlich. Denn aus den Mitbürgern wird unversehens ein Mob, und den (wie sich herausstellt: nur scheinbar) Reichen soll es an den Kragen gehen. Man bildet also eine Art Bürgerwehr, die vor der Villa herumpatrouilliert, und nie ist die Polizei so schrecklich machtlos wie in dem Moment, wo es um einen Selbstmörder geht, dem man ein bisschen Totenruhe von Herzen gönnen würde. Stattdessen wandern seine Liebesbriefe unter den Nachbarn von Hand zu Hand, immerhin schämt man sich ein wenig, aber in den Grundüberzeugungen wird man nicht wankend. Dass Maigret, der erklärte Mann des Volkes, noch dieses Ereignis eher den Machenschaften der anderen (hier: eines ehemaligen Untergebenen, der ihm zeigen will, was er alles kann) anrechnet, spricht für sein Rückgrat. .

          Lieblingssatz: „Maigret sagte sich abermals, dass ihn der Fall nichts anginge, dass er noch am selben Abend den Zug nehmen müsse, dass er riskiere, alle Leute zu verärgern, und dass er sich auch mit seinem Freund entzweien würde.“

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