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Vorschau auf den Literaturherbst : Romanleser sind die besseren Menschen

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Erzählerisch gereift: Charlotte Roche bleibt in den „Schoßgebeten” ihren Themen treu Bild: ©Helmut Fricke

Es sind nicht nur die Blockbuster, sondern auch die stilleren Bücher, über die man in diesem Herbst sprechen wird: Zehn literarische Gründe, sich schon jetzt auf die neuen Titel zu freuen.

          Lesen verdirbt die Augen – und den Charakter. Bei Nichtlesern stehen Vielleser gern im Ruf, weltfremde Tagträumer zu sein, die in anderen Sphären schweben und im Leben darum nichts geregelt kriegen. Doch jetzt ist es endlich amtlich: Wer liest, hat nicht nur mehr vom Leben, sondern ist für dessen Zumutungen auch besser gewappnet. Der Psychologe Keith Oatley von der Universität Toronto hat in einer Studie mit Viellesern und Nichtlesern herausgefunden, dass Menschen, die regelmäßig Romane oder andere Werke der Fiktion lesen, kommunikativer und überdies erfreulich geübt darin sind, sich in andere hineinzuversetzen. Allerdings – und das hat der Professor möglicherweise nicht bedacht – bekräftigt seine Studie über die sozialisierende Wirkung der Fiktion auch die alte Kluft zwischen Männern und Frauen. Denn bekanntlich sind es vor allem Frauen, die Romane lesen, während Männer sich lieber an Sachbuch-Tatsachen halten. Also sind sie auch deutlich besser darin, sich in Männer hineinzuversetzen als umgekehrt.

          Insofern (und obwohl uns noch keine vergleichbare Studie über die sozialisierende Wirkung des Schriftstellertums auf die Autoren überliefert ist) überrascht es nicht, dass einer der wundersamsten Romane der kommenden Saison von einer Frau stammt und von einem Mann handelt. Sibylle Lewitscharoff entwirft in „Blumenberg“ (erscheint am 10. September bei Suhrkamp) ein Bild des Philosophen auf der Höhe seines Ruhms. Und prompt erfahren die Wirklichkeiten, in denen wir lesen, eine Verdopplung: „Augen auf. Der Löwe war da.“ Es ist ein altmeisterlicher, etwas mitgenommen aussehender Löwe, der Hans Blumenberg erscheint und sich nicht nur wie bei Hieronymus in seinem Studierzimmer, sondern auch bei seinen Vorlesung im Hörsaal der Universität von Münster oder auf der Rückbank seines Autos breitmacht. Als geräuschloser, doch geruchsintensiver Begleiter ist er fortan zur Stelle und überträgt seine Aura auf den Denker. Für Blumenberg wie für den Leser wird der Löwe so zur „Traumgeburt von unbedingter Präsenz“.

          Wie Lewitscharoff daraus einen Roman macht, der scheinbar disparate Teile zu einer unmittelbar einleuchtenden, eigensinnigen und beglückenden Einheit führt, Witz, Zartheit und Tragik in sich vereint und dazu das eigene erzählerische Handwerk lässig reflektiert, das zeigt die imponierende Pranke dieser Autorin.

          Sibylle Lewitscharoff gibt in „Blumenberg” Münster einen neuen Löwen

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          Judith Schalansky hat derweil die Giraffe zum Wappentier ihrer Protagonistin, einer Biologielehrerin, erkoren. „Bildungsroman“ hat die 1980 geborene Autorin ihr Buch „Der Hals der Giraffe“ (10. September, Suhrkamp) untertitelt und ihm einen leinenen Einband verpasst. Von Verstaubtheit keine Spur: Inge Lohmark bringt den letzten noch vorhandenen Schülern in Vorpommern, einem Landstrich, den die Natur sich allmählich von den Menschen zurückerobert, die Gesetze der natürlichen Auslese bei: Wer sich nicht anpasst, bleibt auf der Strecke. Darum züchtet ihr Mann, der vor der Wende erfolgreich Kühe besamt hat, jetzt Strauße, darum ist ihre Tochter vor Jahren nach Amerika gegangen, und darum macht das Gymnasium in der Kleinstadt demnächst zu. Außerhalb des Klassenzimmers muss Inge Lohmark dann allerdings feststellen, dass sich die Gesetze der Natur auch gegen den wenden können, der sie am besten zu verstehen glaubt. Mit diesem beeindruckenden Roman stellt sich Judith Schalansky, die 2009 bereits mit ihrem „Atlas der abgelegenen Inseln“ für Furore sorgte, an die Spitze der literarischen Evolution.

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