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Oskar Pastiors Spitzelberichte : Die Schule der Schizophrenie

  • -Aktualisiert am

Die Suche nach der Wahrheit in den rumanischen Securitate-Akten zerrt ein paranoides und schizophrenes System ins Licht Bild: REUTERS

Der Dichter Oskar Pastior war Mitarbeiter der rumänischen Securitate. Und mein Freund. Nun sind Spitzelberichte von IM „Stein Otto“ aufgetaucht - in meiner Akte. Sie zerstören meine Erinnerung.

          Das „Studium“ der Securitate-Akte in Bukarest, meiner „Dossiers“ (I-257358,1-4), jener von Oskar Pastior und anderer Täter oder Opfer und Täter-Opfer verändert, ja zerstört, was ich bisher für mein Leben und die Erinnerungen daran hielt. Meine Jugend im Rumänien der sechziger Jahre war anders, als ich sie bisher im Gedächtnis hatte. Sie wird durch die Lektüre zu einem Netz von ekelhaften Gemeinheiten, Verrat und Abgründen der tödlichen Gefahren.

          Als ich jetzt in Bukarest diese Dokumente studierte, kam nicht nur alles wieder hoch, sondern es weitete sich ins Bodenlose aus, bestätigte, was ich zuvor nur geahnt und vermutet, dann wieder vergessen hatte. In meinem Verfolgungs- und Überprüfungsdossier („dosar de verificare 9855“) konnte ich es amtlich nachlesen: „Das Überprüfungsdossier hat den Zweck, die ganze feindliche Aktivität des Schlesak Dieter aufzudecken. Es werden folgende Maßnahmen ergriffen ...“ Unter Punkt 1 a werden die Spitzel aufgelistet, die gegen mich eingesetzt werden sollen, darunter IM „Stein Otto“. Dass Oskar Pastior IM „Otto Stein“ gewesen war, wusste ich seit Stefan Sienerths Bericht. Unter Punkt e steht „Wegen ,Stein Otto‘ wird die Dir. II a und 241 angeschrieben und verlangt, dass der Agent auf Schlesak Dieter angesetzt werden soll.“

          Ahnungslos im Netz der Beschattung

          Es waren die Jahre meiner Freundschaft mit „Ossi“, Oskar Pastior in Bukarest, 1961 bis 1968. Jetzt kamen sie wieder hoch, diese Jahre der Beschattung und Dauerbedrohung, die Verhaftung, die Verhöre durch Securitate-Offiziere, aber maßlos gesteigert: Es ist die erschütternde Überraschung, dass ich damals ahnungslos in jenem „Netz“ von Beobachtungen lebte, ohne zu wissen, dass viele meiner Freunde und sogar Hochschullehrer als Spitzel auf mich „angesetzt“ waren.

          Die Spitzel-Vergangenheit des rumäniendeutsche Lyriker Oskar Pastior zieht weitere Kreise

          So fand ich „Moga“ (Claus Stephani), einen Redaktionskollegen bei der „Neuen Literatur“, und andere als IM wieder, wobei tagebuchartig (sogar durch einen Obristen und einen Major) Stunde für Stunde etwa ein Stadtspaziergang und Treffen mit Freunden und Schriftstellerkollegen beschrieben wurden. Ich fand Abhörprotokolle meiner Telefongespräche, vor allem aus der Redaktion der „Neuen Literatur“. Wozu aber das ganze Brimborium um meine Person? Zur Struktur der Securitate gehört Paranoia, die aus einer Laus einen Elefanten gemacht hat, damit die „Norm“ an „Staatsfeinden“ erfüllt werden konnte, dafür wurden die Geheimdienstoffiziere ja bezahlt.

          Animation zur Kritik zwischen den Zeilen

          Ich - ein kleiner Lyrikredakteur mit vielen jungen Talenten um mich - wurde für sie zum Anführer einer „staatsfeindlichen“ Widerstandsgruppe, die einen Umsturz plante. Ich hatte meinen Tatendrang, gespeist von Regimehass, nicht gebremst und versucht, unvorsichtig im Redaktionszimmer die Kollegen für ein „Versteckspiel in der Metapher“ zu gewinnen, wo regimekritische Inhalte so geschickt verpackt und an den Leser gebracht werden sollten, dass die Zensur uns nicht ertappte.

          Grundlage war der Stil der Moderne, doch kein literarisches Spiel, sondern bitterer, gefährlicher Ernst! Unsere Bibel waren Enzensbergers „Museum der modernen Poesie“ und die westdeutsche moderne Dichtung. Daraus machte die Securitate eine „Ideologie“ und uns zur „Widerstandsgruppe“. Das führte so weit, dass ein Prozess gegen mich vorbereitet und ich wegen meiner westdeutschen Kontakte der Spionage verdächtigt wurde, worauf die Todesstrafe stand.

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