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Oskar Pastiors Spitzelberichte : Die Schule der Schizophrenie

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War ich in meinen aggressiven Formulierungen wirklich so mutig gewesen, oder hatte das Jordan geschrieben, um zu beweisen, dass mit mir „nichts zu machen“ war? Auch wie ich ihn anfuhr, als er mich auf jemanden ansetzen wollte und Berichte anforderte, ist in meiner Akte dokumentiert. Die vorgedruckten Spitzel- und Berichts-Tabellen sind bei Pastior vollgeschrieben, bei mir sind sie leer. Manchmal empfand ich beim Lesen meiner Akte sogar Mitleid mit „Jordan“. Dabei drohte er mir ständig mit Verhaftung und Gefängnis und beschrieb auch die Drohfakten: dass ich Satiren vom Freund Mircea Palaghiu versteckt habe und sie veröffentlichen wollte. Mircea saß in jener Zeit wegen dieser Satiren im Gefängnis. Ich zitterte vor Angst bei solchen Gedanken. Mircea beging nach der Entlassung Selbstmord.

Das Verrückteste ist die Notiz von „Jordan“ (Pestriu) als „P.S.“ eines Spitzelberichts von Pastior über mich: „dass Schlesak Dieter auch von unserem Agenten Ehrlich verfolgt und beobachtet wird“. Dabei hatte doch „Jordan“, der Offizier selbst, ein Agentendossier für Schlesak unter dem Decknamen „Ehrlich“ angelegt. „Schlesak Dieter“ aber wurde in dieser Notiz angeblich abgestellt, „um ,Ehrlich‘ zu observieren und seine Zuverlässigkeit zu überprüfen“. Securitate-Thema des Doppelgängers aus der Literatur, der Schizophrenie aus der Psychiatrie?

Leichte Beute für Pastior

Da war Pastior ein anderes Kaliber, er schaffte es, mich als „Freund“ spielend auszuhorchen: An einige dieser Gespräche erinnere ich mich noch. Durch „Stein Otto“ wurde der Securitate bestätigt, dass meine Umsturzgedanken auf der „westdeutschen Moderne“ und meiner westdeutschen Ideologie des Klassenfeinds beruhten, zu der Oskar Pastior, der 1968 über Österreich in die Bundesrepublik kam, bald darauf selbst gehören sollte!

Schon am 5. November 1965 (Seite 331 meiner Akte, Vol. 1) werden wieder in der „casa Sahia“ mit dem Hauptmann Pestriu die „Dekadenz“ und gefährliche „Westorientiertheit“ des „Schlesak Dieter“ durch Pastior dadurch „dokumentiert“, dass Schlesak mit einem Freund, der an ein Leben nach dem Tode glaube, diskutiert habe. Klare Dekadenz! Dass ihn diese Angst vor dem Tod nicht mehr loslasse. Und weiter im Spitzelbericht: „Aus diesem Gespräch mit Schlesak Dieter ergibt sich, dass dieser an einer psychischen und physischen Depression leidet, das kommt aus einem Hass gegenüber der Familie und ihrer Vergangenheit. Eine gewisse Tendenz der Isolierung und des Individualismus. Auch der äußere Aspekt (schwarzer Bart) hat mir diesen Eindruck verstärkt. Er hat mir auch gesagt, er habe im Urlaub wenig arbeiten können, weil die Familie Besuch aus (West-) Deutschland hatte.“

Im Westen wich mir Oskar immer aus. Hatte er Angst, dass ich seine Karriere mit der Aufdeckung der IM-Wahrheit „Stein Otto“ durchkreuzen könnte? Nun trifft es ihn post mortem! Hätte ich schweigen sollen, weil man den Toten nichts Schlechtes nachsagen soll? Nein! Denn auch für Oskar Pastior gilt, dass historische Schuld, und die hat er auf sich geladen, nicht verschwiegen werden darf.

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