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Oskar Pastiors Spitzelberichte : Die Schule der Schizophrenie

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Vom tödlichen Grad der Literatur

Ein einziges Gedicht hatte ihn erst die Freiheit und dann das Leben gekostet. Das charakterisiert den gefährlichen, ja tödlichen Grad von Literatur damals. Wer die vermeintlich harmlosen „note informative“ von „Stein Otto“ über „Schlesak Dieter“ heute liest, muss den Zusammenhang mitdenken, dass „moderne Poesie“ in den Augen der Securitate die „Ideologie“ einer angeblich staatsgefährlichen Umsturzgruppe war. Pastior wusste das nicht nur, sondern sagte der Securitate, was sie hören wollte, und lieferte „Beweise“ durch Verrat an den Freunden.

So schrieb der modernste Sprachartist und Hermetiker der rumäniendeutschen Poesie in einem Spitzelbericht am 21. März 1966, wie ich in meiner Akte auf Seite 321 auf Rumänisch lese: „Ich habe einige Artikel und Rezensionen und Originalgedichte von Schlesak Dieter gelesen. (...) Man kann feststellen, dass sich der Autor in gewissem Sinn mit den formalen Tendenzen dieser (westdeutschen) ,modernen Poesie‘ identifiziert. ( ...) Es scheint, dass hier Schlesak auch für die Art, wie er selbst Gedichte schreibt, plädiert ... die meiner Meinung nach hermetisch, kalt und unfähig sind, ein Gefühl oder eine Botschaft zu vermitteln, die die Leser in unserem Land angehen.“

Ein Securitate-Anwerber, zwei Entscheidungen

Ist das möglich? Kann Oskar Pastior sich auch selbst so sehr anspucken und verraten? Er konnte es, aus Feigheit. Wichtig aber ist, dass wir diese „Akten“ niemals als „Wahrheitsquelle“ ansehen, dass wir Rückschlüsse daraus ziehen, als wären sie „tatsachengerecht“, denn es sind meist Produkte oder Teilprodukte des Führungsoffiziers. In diesem Pastior-Spitzelbericht etwa steht als Adresse für die „sursa“ (Quelle) „Stein Otto“: Cpt. Pestriu Ioan, „Stein Otto“, casa „Sahia“. Das heißt: Hauptmann Pestriu hat Stein in der „konspirativen“ Wohnung „Sahia“ getroffen, wo wohl erst mündlich berichtet, dann das Berichtete schriftlich „niedergelegt“ wurde, alles unter „Mithilfe“ des Offiziers, der dann noch ein „feindlich“ oder diskriminierende Sätze einfügen konnte, um seine „Effizienz“ beim Aufspüren von Feinden zu beweisen.

Es war derselbe Offizier (mir als „Jordan“ bekannt), der seinerzeit versucht hatte, auch mich zur „Mitarbeit“ zu zwingen, was ihm nicht gelang, weshalb er, von seinem Vorgesetzten angemahnt, vorgreifend ein ganzes Agentendossier, Deckname „Ehrlich“, über mich anlegte, mit gefälschten Daten und gefälschter Unterschrift - jeder, der meine Unterschrift kennt, kann das bezeugen. (Ich habe nie „unterschrieben“, auch wenn ich auf Anweisung tausendmal meine Selbstbiographie oder Erklärungen in solch einsamen Zimmern schreiben musste!) Im Dossier befinden sich zur Rechtfertigung seiner Arbeit als Securitate-Offizier auch meine unglaublich frechen Einschätzungen des Staates und der Securitate als „menschenfeindlich“ und „unmoralisch“ und dass ich so etwas nie machen würde, schon die Begegnungen mit ihm und solch einem „Dienst“ seien moralisch-seelisch belastend, ja, dass er mich von jetzt an in Ruhe lassen solle und ich ihm „verbiete“, mich weiter anzurufen.

Im Wirrwarr der Decknamen

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