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Literatur und Politik : Eine Stimme fehlt

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Berlin Mitte: Im Zentrum der politischen Macht wird viel geredet. Aber je mehr geredet wird, desto vernehmbarer macht sich ein Schweigen breit
          6 Min.

          Wahrscheinlich erinnert sich außer mir kein Mensch mehr daran: wie vor mehr als fünfundzwanzig Jahren in den Feuilletons praktisch jeden zweiten Tag ein gutes Pfund Blei für eine einzige Textsorte geschmolzen werden musste. Es handelte sich um die Proteste und Mahnungen des PEN, des Exil-PEN, des VS, des Verbands deutscher Schriftsteller, und etlicher anderer Standesorganisationen der Branche.

          Sie erschienen an prominenter Stelle mehrfach die Woche. Es ging oft um verfolgte Schriftsteller, viel häufiger aber um die Zerstörung der Demokratie, um die Macht und die Machtlosen, natürlich um Franz Josef Strauß und um den Schoß, aus dem alles Unheil einst kroch.

          Die älteren Kollegen, die den demokratischen Verhältnissen noch nicht recht trauten, fanden, es könnte nicht genug davon geben. Die Nachrichtenagenturen fanden es richtig. Was in den frühen sechziger Jahren subversiv begann, entwickelte sich im Verlauf der Zeit zu einer erfolgsverwöhnten und mächtigen Tochter der großen Bewusstseinsindustrie. Man kann sie gleichberechtigt neben die anderen Wunderwerke der Nachkriegszeit stellen, neben Grundig, Neckermann oder Quelle. Es gab Unternehmensgründer (Jean-Paul Sartre), Aufsichtsräte (Heinrich Böll), CEOs (Walter Jens, Günter Grass) und Abteilungsleiter und -leiterinnen (Peter Härtling, Luise Rinser), ausgelagerte Produktionsstätten, genannt Verlage, Suhrkamp, Rowohlt, „Die Zeit“, Jürgen Lodemanns „Literaturmagazin“ und auch dort wieder Spitzenvertriebsleute des Geistes: Fritz J. Raddatz, Peter Rühmkorf oder Jürgen Manthey beispielsweise.

          Der Softwarecode von damals

          So fanden wir es in den achtziger Jahren vor. Und vielleicht war es diese Pflicht, die Rügen, Tadel, Proteste und Aufschreie wöchentlich zu redigieren und zu umbrechen, die viele von uns der Sache überdrüssig werden ließ. Auch war die Monopolstellung des Produkts einfach zu groß. Bei den Spitzenindustrien, wo Intellektuelle heute anheuern, bei Apple oder Google, müssen sie fast religiös anmutende „commitments“ unterschreiben, von denen die Pflicht, keine anderen Götter anzuerkennen, noch die harmloseste ist: Es geht darum, so zu denken, wie das Unternehmen denkt.

          So war es auch damals. Es gab einen Softwarecode, aus dem das Programm bestand, und es war unmöglich, es auf anderen Plattformen als denen zwischen „links“ und „rechts“ zum Laufen zu bringen. Die „Updates“, Kongresse, Pressemitteilungen, Warnbücher („Die zornigen alten Männer“) waren verpflichtend, sonst verlor man den Anschluss.

          Aber Menschen wollen das auf Dauer nicht. Sie wollen keine geschlossenen Systeme, und sie misstrauen Monopolen. Es war im Kern gut gemeint, es war, nach den Erfahrungen des Nationalsozialismus, auch wichtig und gut, aber es funktionierte eines Tages nicht mehr. Es war kaputt und erlebte nach 1989 seinen schleichenden, traurigen Niedergang.

          Ob es den PEN noch gibt, weiß niemand

          Die Schriftsteller wandten sich der Wirklichkeit zu, manche der Idylle, von Walter Jens hört man nur in den erschütternden Büchern seiner Frau und seines Sohnes, ob es den PEN noch gibt, weiß niemand, und die Meldungen, die aus der politisch-literarischen Sphäre manchmal noch kommen, sind wie in den Wind gesprochen.

          Vielleicht ist es an der Zeit, dass sich das ändert. Vielleicht kann man als Konsument des Geistes nach den jüngsten Erfahrungen die Frage stellen, ob die völlige Entpolitisierung von Literatur und literarischem Leben nicht ein ernstes Problem wird. Oder anders gesagt: dass eine große Nachfrage nach einer neuen politischen Literatur in diesem Land besteht. Es geht nicht um Presseerklärungen und ganz gewiss nicht um intellektuelle Routinen, die in Wahrheit nur der Parteipolitik dienen.

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