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Kein Geld für Lexika : Wer rettet das Große Norwegische?

Das norwegische Nationallexikon „Store Norske” Bild: Archiv

Öl- und Gasfelder haben Norwegen reich gemacht. Dennoch will das Land sich seine Nationalenzyklopädie nicht mehr leisten. Was wird aus dem kollektiven Gedächtnis? Gegen den befürchteten Identitätsverlust regt sich Widerstand.

          4 Min.

          Demonstrationen hat es nicht gegeben, ein Lexikon ist eben kein Kopfbahnhof. Auf Facebook immerhin hat sich unter dem Titel „Rettet das Lexikon“ eine Protestgruppe gebildet. Und Sigmund Grønmo, der Rektor der Universität in der alten Hansestadt Bergen an Norwegens Westküste, ist immer noch perplex. Im März hatte die Kulturministerin in Oslo angekündigt, für das Nachschlagewerk „Store Norske Leksikon“ stünden keine Mittel aus ihrem Budget zur Verfügung, und damit einen Hilferuf des Wissenschaftsverlags Kunnskapsforlaget gekontert. Es sei nicht die Verantwortung des Staates, argumentiert die Sozialdemokratin mit einem für ihre Partei und ihr Ressort erstaunlichen Vertrauen in die Kräfte des Marktes, die Verantwortung für ein Projekt zu übernehmen, dass sich nicht rentiere. „Ich kann die Ministerin nicht verstehen“, sagt Grønmo. Dass Norwegen, dank der Öl- und Gasvorkommen vor seiner Küste eines der reichsten Länder der Welt, für „Store Norske“ (das Große Norwegische) kein Geld haben soll, sei nicht nachzuvollziehen.

          Sebastian Balzter
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Denn ein anderes modernes Lexikon in norwegischer Sprache gibt es nicht. „Store Norske“, das betont der Soziologe Grønmo, erfülle deshalb „eine immens wichtige identitätsstiftende Funktion“. Weder Wikipedia noch die für Norweger leicht zugänglichen schwedischen oder dänischen Nachschlagewerke seien ein Ersatz. Tatsächlich halten die fünfzehn traditionell in dunkelrotes Leinen gefassten Bände das langgestreckte, dünn besiedelte und an seiner Küste zerfranste Land mit Bausteinen für ein kollektives Gedächtnis zusammen: Eine Liste der wichtigsten Leuchttürme von Süd nach Nord samt Baujahr und Reichweite ihrer Scheinwerfer findet sich beispielsweise darin, von Torbørnskjær auf der Insel Hvaler bis Bøkfjord nicht weit von Kirkenes an der norwegisch-russischen Grenze. Verzeichnet sind auch alle Straßentunnel, die länger als dreitausend Meter sind, die längsten Brücken des Landes sowie die Gewinner des wichtigsten norwegischen Pferderennens seit 1932, Warmblut und Kaltblut.

          Bitte korrekt zitieren!

          Deshalb fehlte „Store Norske“ früher in keinem norwegischen Haushalt, der etwas auf sich hielt. 250.000 Exemplare haben sich seit der 1977 erschienenen ersten Ausgabe verkauft, eine beeindruckende Zahl bei nicht viel mehr als vier Millionen Norwegern insgesamt - auf deutsche Verhältnisse übertragen, müsste man sich eine Auflage von fünf Millionen für den Brockhaus vorstellen. „Man muss sagen, dass es sich um eine der größten verlegerischen Erfolgsgeschichten überhaupt in unserem Land handelt“, heißt es auf der Internetseite von Kunnskapsforlaget dazu, es klingt ein wenig verlegen angesichts der jüngsten Misere. Denn die goldenen Zeiten sind vorbei: Zehn Millionen Kronen Verlust allein im vergangenen Jahr, rechnet der Verlagsdirektor vor, mache der Titel inzwischen. Seit 1999 seien die Überschüsse aus der Vergangenheit komplett aufgezehrt worden. Die zwischen 2005 und 2007 erschienene Neuauflage, nicht mehr dunkelrot, sondern modisch nachtblau gebunden, habe sich gar nur noch in 14.000 Exemplaren verkauft.

          Eine gedruckte Neuauflage stand deshalb schon nicht mehr zur Debatte, als der Verlag sich an das Ministerium wandte. Der Inhalt des Lexikons steht Internetnutzern vielmehr in abgespeckter Form gratis zur Verfügung, als Extra können sie sogar ein Porträtfoto des für den gerade aufgerufenen Artikel zuständigen Redakteurs anschauen und ihren Kommentar zu dem Eintrag abgeben. Im Gegenzug bittet der Verlag darum, korrekt zitiert zu werden, und gibt eine kleine Anleitung dazu - es ist die geradezu schulbuchmäßige Umsetzung all jener Ratschläge, die Internetfachleute Verlagen für den Umgang mit dem elektronischen Medium und seinen Kostenlos-Gepflogenheiten gewöhnlich geben. Zu dumm, dass sie sich nicht rechnen; zu dumm, dass auch in dieser Form des Betriebs Redakteure und Techniker bezahlt werden wollen. Von 150.000 Benutzern in der Woche spricht der Verlagsdirektor zwar, die Ministerin hingegen hält an ihrem Urteil fest: Weder Nutzer noch Anzeigenkunden hätten ausreichend Interesse gezeigt.

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