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Island-Sagas : Sindbad kam nie nach Thingvellir

Zu sehen ist ein Auszug aus dem Manuskript der Isländer-Sagas Bild: The Árni Magnússon Institute for Icelandic Studies

In diesen Tagen erschienen ist eine vierbändige, mehr als viertausend Seiten umfassende Edition von Island-Sagas. Die editorische Großtat erschließt uns jetzt den ganzen Insel-Kosmos aus Stolz, Zorn und Gewalt.

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          Eine glückliche Reise sieht anders aus: Der Isländer Egil schifft sich ein, um seinen alten Freund, den englischen König Adalstein, zu besuchen, gerät aber in einen Sturm und landet an der britischen Ostküste. Dort, im heutigen York, herrscht nun gerade sein schlimmster Feind, der abgesetzte norwegische König Eirik, und dessen Frau Gunnhild, eine echte Hexe, hasst Egil sogar noch ein bisschen mehr. Der schiffbrüchige Wikinger hat keine Wahl: Er begibt sich in Eiriks Gewalt, und der lässt ihn nur deshalb nicht sofort köpfen, weil es mitten in der Nacht ist - Todesurteile, so will es der Brauch, werden bei Tageslicht vollstreckt.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Die paar Stunden, die ihm bleiben, nutzt Egil nicht etwa zu einem letzten Saufgelage. Er zieht sich zurück und dichtet ein Preislied auf König Eirik, unerhört schön und schwer virtuos, und als er es am nächsten Morgen vorträgt, geschieht ein Wunder: Eirik schenkt seinem Feind das Leben. Selbst Gunnhild, die sich nachts in einen Vogel verwandelt und vor Egils Fenster gesungen hatte, um ihn beim Dichten zu stören, gibt sich geschlagen.

          Wie sehr muss einer an die Zauberkraft der Worte glauben, um sich so etwas auszudenken, wie sehr muss ihm sein Publikum folgen, um eine solche Geschichte hinzunehmen! Worte, da sind sich der Dichter und seine Zuhörer einig, Worte können alles: Leben retten und vernichten, aufbauen und einreißen, Existenzen bewahren oder sie der Vergessenheit preisgeben, je nachdem.

          Island ist Gastland der kommenden Buchmesse und verspricht schon jetzt einen eindrucksvollen Auftritt in Frankfurt
          Island ist Gastland der kommenden Buchmesse und verspricht schon jetzt einen eindrucksvollen Auftritt in Frankfurt : Bild: Sagenhaftes Island

          Und während wir nur darüber spekulieren können, welcher namenlose Dichter diese Geschichte vor achthundert Jahren schuf, ist Egil durch ihn unsterblich geworden - auf Island kennt heute jedes Kind seinen Namen, nach seinem Schädel wird immer noch ebenso gesucht wie nach seinem Silberschatz, den er auf einer bestimmten Wiese im Westen der Insel vergraben haben soll. Nicht wenige Isländer sprechen von ihm wie von einem Familienmitglied. Und glaubt man den genealogischen Überlieferungen, trifft das sogar zu.

          Die Wege der Helden hautnah nachempfinden

          Das Gastland der kommenden Buchmesse verfügt über eine äußerst rege Literaturszene, so viel hat sich längst herumgesprochen, und es zeichnet sich ab, dass der isländische Auftritt in Frankfurt so eindrucksvoll werden könnte wie keiner mehr seit dem legendären ungarischen im Jahr 1999. Gleichzeitig zeigt sich, dass die meisten isländischen Gegenwartsautoren bestens mit dem großen literarischen Schatz des Landes vertraut sind, dass er sogar nicht selten als Folie für die eigenen Texte dient: die Isländersagas, entstanden im dreizehnten oder vierzehnten Jahrhundert.

          Sie schildern Heldenbiographien aus der Landnahmezeit im späten neunten und frühen zehnten Jahrhundert, als norwegische Flüchtlinge in den Westen segelten und die beinahe unbewohnte Insel besiedelten. Sie erzählen von echten Menschen in einer realen Landschaft und bilden so, anders als die gleichzeitig auf dem europäischen Kontinent entstandene Ritterdichtung mit ihrer wolkigen Unbestimmtheit, insgesamt ein Epos, in dem alles mit allem zusammenhängt und jeder Weg eines Helden noch heute exakt nachgewandert oder -geritten werden kann: Wer mag, kann sich im abgelegenen Forsoeludalur auf der verlassenen Hofstelle gruseln, wo der starke Grettir mit dem Geist des Schafhirten Glam rang, er kann nach Hlidarendi pilgern, wo der umschwärmte Gunnar lebte, bis seine Feinde ihn erschlugen, oder auf Egils Spuren den Hof Borg erkunden.

          Kosmos aus Stolz, Zorn und Gewalt

          Alles ist benannt in den alten Texten und gleichzeitig verzaubert: Ins karge Thorisdalur zwischen zwei Gletschern könnte man schon finden, vielleicht sprudelt dort sogar die heiße Quelle, die den verfemten Grettir einst den Winter über wärmte. Aber ob sich dem Wanderer dort tatsächlich der Bergtroll Thorir mit seinen schönen Töchtern zeigt, der einst dem unglücklichen Helden ein Asyl bot, steht in den Sternen.

          Sicher ist aber: Wer sich - wie etwa die Saga-Enthusiasten Borges oder Tolkien - in diesen Kosmos begibt, wird sich nur unwillig wieder daraus entfernen. Er wird Mord und Totschlag ebenso selbstverständlich finden wie die Konfliktvermeidungsstrategien verzweifelter Männer, die sich gegen die Spirale der Blutrache stemmen und doch genau darauf achten, nicht als Feiglinge angesehen zu werden. Und er wird, eingebettet in diesen Kosmos aus Stolz, Zorn und Gewalt, hinreißende Liebesgeschichten finden wie die der viermal verheirateten Gudrun Osvifrsdottir, die einen fünften Mann liebte und durch seinen besten Freund ermorden ließ - ihr Grab auf der Halbinsel Snaefellsnes ist heute, tausend Jahre nach ihrem Tod, ein stiller Wallfahrtsort.

          So werden Editionen möglich

          Bis jetzt waren freilich der Rezeption der Sagas all denen enge Grenzen gezogen, die des Altnordischen nicht mächtig sind. Die meisten Übersetzungen ins Neuhochdeutsche, die es von einzelnen Sagas gegeben hat, sind vergriffen, allen voran die vor exakt hundert Jahren im Eugen Diederichs Verlag aufgelegte, unvollständige Sammlung „Thule“, deren Sprache sich zudem sichtlich überlebt hat - vor allem durch die damalige Entscheidung der „Thule“-Herausgeber, alle Namen kurzerhand einzudeutschen: Aus „Reykjardalur“ wurde „Rauchtal“, aus „Svinafell“ „Schweinsberg“ und aus „Hlidarendi“ „Haldenende“: So wie das klingt, spotten böse Zungen, könnten die Geschichten auch im Schwarzwald spielen. Und die „Saga“ getaufte Buchreihe, die vor fünfzehn Jahren ebenfalls bei Diederichs begonnen wurde, um die wichtigsten isländischen Texte des Mittelalters neuerlich zu übersetzen, kam leider über wenige Bände nicht hinaus.

          Jetzt aber zeigt sich, wozu die - vor einigen Jahren sogar abgeschafften und eilends wieder eingeführten - Gastlandauftritte der Buchmesse taugen. Im Zusammenspiel aus Übersetzungsförderung und der erwarteten Resonanz für die Texte des jeweiligen Landes werden Editionen möglich, die sonst schier wahnwitzig wären und es oft genug noch sind.

          Der Ursprung in diesem Herbst?

          Bei S. Fischer erscheint dieser Tage eine vierbändige, 4.215 Seiten umfassende Edition von dreiundsiebzig Sagas und Erzählungen, neu übersetzt von vierzehn ausgewiesenen Experten altisländischer Literatur und begleitet von einem reichen Kommentarband. Die bei allen Unterschieden durchgehend flüssig übersetzten Texte lassen bei Orts- und Personennamen das Original durchscheinen, indem genuin isländische Buchstaben nicht durch deutsche Letternkombinationen ersetzt werden, und man kann sich unschwer vorstellen, welche Mühe es gekostet haben mag, sich auf editorische Richtlinien zu einigen und sie auch durchzusetzen.

          Was diese Ausgabe für die Rezeption in Deutschland bedeutet, lässt sich noch nicht absehen, und wenn eines Tages der literarische Raum der Isländersagas bei uns selbstverständlich neben der keineswegs komplexeren Welt von „Tausendundeiner Nacht“ genannt werden wird, könnte das seinen Ursprung in diesem Herbst haben - zumal einzelne Isländer ausweislich der Sagas oft den Weg nach Konstantinopel (oder, wie es hier heißt: Miklagard) fanden, etwa um dort eine alte Schmach zu tilgen. Dass umgekehrt Ali Baba oder Sindbad bis nach Thingvellir gekommen wären, ist dagegen nicht überliefert.

          Ungeheure Modernität

          Schicksale jedenfalls wie die des gewalttätigen, bösartigen, verschlagenen, aber zu tiefer Liebe fähigen Dichters Egil werden kaum einen Leser kaltlassen: Die ihm gewidmete Saga schließt nicht etwa mit einem „und wenn er nicht gestorben ist“ oder mit einem zünftigen Heldentod in der Schlacht. Egil wird - wo gibt es das sonst noch in der mittelalterlichen Literatur? - am Ende der Saga als Greis geschildert, blind, lahm, lautstark seine Impotenz beklagend und von allen herumgeschubst, die einst in seiner großen Zeit noch nicht einmal geboren waren. Dass und wie der Tattergreis seinen Hausgenossen noch einmal ein Schnippchen schlägt und sie um das erhoffte Erbe bringt, macht ihm so leicht keiner nach. Und erweist einmal mehr die ungeheure Modernität dieser erstaunlichen Texte.

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