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Island-Sagas : Sindbad kam nie nach Thingvellir

Sicher ist aber: Wer sich - wie etwa die Saga-Enthusiasten Borges oder Tolkien - in diesen Kosmos begibt, wird sich nur unwillig wieder daraus entfernen. Er wird Mord und Totschlag ebenso selbstverständlich finden wie die Konfliktvermeidungsstrategien verzweifelter Männer, die sich gegen die Spirale der Blutrache stemmen und doch genau darauf achten, nicht als Feiglinge angesehen zu werden. Und er wird, eingebettet in diesen Kosmos aus Stolz, Zorn und Gewalt, hinreißende Liebesgeschichten finden wie die der viermal verheirateten Gudrun Osvifrsdottir, die einen fünften Mann liebte und durch seinen besten Freund ermorden ließ - ihr Grab auf der Halbinsel Snaefellsnes ist heute, tausend Jahre nach ihrem Tod, ein stiller Wallfahrtsort.

So werden Editionen möglich

Bis jetzt waren freilich der Rezeption der Sagas all denen enge Grenzen gezogen, die des Altnordischen nicht mächtig sind. Die meisten Übersetzungen ins Neuhochdeutsche, die es von einzelnen Sagas gegeben hat, sind vergriffen, allen voran die vor exakt hundert Jahren im Eugen Diederichs Verlag aufgelegte, unvollständige Sammlung „Thule“, deren Sprache sich zudem sichtlich überlebt hat - vor allem durch die damalige Entscheidung der „Thule“-Herausgeber, alle Namen kurzerhand einzudeutschen: Aus „Reykjardalur“ wurde „Rauchtal“, aus „Svinafell“ „Schweinsberg“ und aus „Hlidarendi“ „Haldenende“: So wie das klingt, spotten böse Zungen, könnten die Geschichten auch im Schwarzwald spielen. Und die „Saga“ getaufte Buchreihe, die vor fünfzehn Jahren ebenfalls bei Diederichs begonnen wurde, um die wichtigsten isländischen Texte des Mittelalters neuerlich zu übersetzen, kam leider über wenige Bände nicht hinaus.

Jetzt aber zeigt sich, wozu die - vor einigen Jahren sogar abgeschafften und eilends wieder eingeführten - Gastlandauftritte der Buchmesse taugen. Im Zusammenspiel aus Übersetzungsförderung und der erwarteten Resonanz für die Texte des jeweiligen Landes werden Editionen möglich, die sonst schier wahnwitzig wären und es oft genug noch sind.

Der Ursprung in diesem Herbst?

Bei S. Fischer erscheint dieser Tage eine vierbändige, 4.215 Seiten umfassende Edition von dreiundsiebzig Sagas und Erzählungen, neu übersetzt von vierzehn ausgewiesenen Experten altisländischer Literatur und begleitet von einem reichen Kommentarband. Die bei allen Unterschieden durchgehend flüssig übersetzten Texte lassen bei Orts- und Personennamen das Original durchscheinen, indem genuin isländische Buchstaben nicht durch deutsche Letternkombinationen ersetzt werden, und man kann sich unschwer vorstellen, welche Mühe es gekostet haben mag, sich auf editorische Richtlinien zu einigen und sie auch durchzusetzen.

Was diese Ausgabe für die Rezeption in Deutschland bedeutet, lässt sich noch nicht absehen, und wenn eines Tages der literarische Raum der Isländersagas bei uns selbstverständlich neben der keineswegs komplexeren Welt von „Tausendundeiner Nacht“ genannt werden wird, könnte das seinen Ursprung in diesem Herbst haben - zumal einzelne Isländer ausweislich der Sagas oft den Weg nach Konstantinopel (oder, wie es hier heißt: Miklagard) fanden, etwa um dort eine alte Schmach zu tilgen. Dass umgekehrt Ali Baba oder Sindbad bis nach Thingvellir gekommen wären, ist dagegen nicht überliefert.

Ungeheure Modernität

Schicksale jedenfalls wie die des gewalttätigen, bösartigen, verschlagenen, aber zu tiefer Liebe fähigen Dichters Egil werden kaum einen Leser kaltlassen: Die ihm gewidmete Saga schließt nicht etwa mit einem „und wenn er nicht gestorben ist“ oder mit einem zünftigen Heldentod in der Schlacht. Egil wird - wo gibt es das sonst noch in der mittelalterlichen Literatur? - am Ende der Saga als Greis geschildert, blind, lahm, lautstark seine Impotenz beklagend und von allen herumgeschubst, die einst in seiner großen Zeit noch nicht einmal geboren waren. Dass und wie der Tattergreis seinen Hausgenossen noch einmal ein Schnippchen schlägt und sie um das erhoffte Erbe bringt, macht ihm so leicht keiner nach. Und erweist einmal mehr die ungeheure Modernität dieser erstaunlichen Texte.

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