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Helmut Kohls Sohn erinnert sich : Schreiben, um zu überleben

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Walter, Helmut, Hannelore und Peter Kohl, 1975, in den Sommerferien in St. Gilgen Bild: dpa

Je kritischer auf Helmut Kohl als Politiker gesehen wurde, desto mehr bemühte er sich im Privaten um biedere Bilder der Normalität. Doch die Realität sah anders aus, wie sein Sohn Walter Kohl in einem Erinnerungsbuch erzählt.

          Einer der schönsten Sätze von Helmut Kohl sollte die Nachbarn beruhigen und eine Brücke schlagen von der blutigen deutschen Vergangenheit in die Biederkeit bundesdeutscher Neubausiedlungen: „Die Deutschen sind heute ein Volk, das sein Glück im Privaten sucht.“ Mit dem Buch von Walter Kohl, dem 1963 geborenen ältesten Sohn des früheren Bundeskanzlers, erhält dieser Satz einen ganz neuen Resonanzraum. Es ist kein Buch für Leser mit schwachen Nerven: Es finden sich darin Schilderungen perfekter Kinderalbträume, die umso heftiger bei jenen nachwirken, die damals selbst Kinder waren.

          Da ist der erste Schultag mit der ersten Pause, die allein verbracht werden muss, weil der Sohn des Politikers schlicht keine Nachbarskinder kennt. Die aber kennen ihn oder seinen Vater. Eine Gruppe stellt sich gegen den Einzelgänger, verhöhnt ihn und seinen Vater. Das Kind fühlt sich provoziert und beherzigt zugleich den väterlichen Rat, nicht als Feigling vom Platz zu gehen: „Du musst stehen!“ Doch der Versuch, einen der Gegner zu packen, misslingt: Walter rutscht auf dem Schulhof der Länge nach aus, landet unter dem Gejohle der Schüler in einer Pfütze.

          Die Folge ist, dass er die restlichen Schulstunden nass, verdreckt und isoliert im Klassenzimmer sitzt. Solche Demütigungen werden zuhause nicht aufgefangen, nicht einmal besprochen - schon gar nicht mit dem Mann, der für all die Aufmerksamkeit erst gesorgt hat. Der wollte vor allem Ruhe und Normalität ausstrahlen und von solchen Störungen des Betriebsablaufs nichts wissen.

          Längst ist vergessen, welches Level von Gewalt noch in den siebziger Jahren auf Schulhöfen normal war; vergessen ist aber auch, wie durch und durch bösartig die Wahrnehmung der Familie Kohl war. So entstand eine fatale symbolische Spirale: Je kritischer auf Kohl gesehen wurde, desto mehr bemühte der sich, mit biederen Bildern eine Normalität auszuweisen, die längst nicht mehr möglich war und nur noch surreal wirkte. Und diese Biederkeit wurde dann erneut verspottet. Was für einen Aufschrei hätte es gegeben, wenn die Kinder Kohls die Privilegien einer Privatschule genossen hätten - dabei machte dieses Beharren auf einer unmöglichen Normalität sie zu Opfern.

          Horror der Siebziger

          Direkt bedroht wurde die Familie durch den Linksterror der siebziger Jahre, was sich für Walter Kohl in einer Reihe traumatischer Erlebnisse äußert. Einmal gibt es einen Termin von hohen deutschen Sicherheitsbeamten mit dem Jungen und seiner Mutter, der dazu dienen soll, Walter auf seine mögliche Entführung durch die RAF vorzubereiten. Dabei wird ihm mitgeteilt, er könne beruhigt sein, die zuständigen Stellen hätten sich darauf verständigt, ihn notfalls freizukaufen. Es stünde dafür eine Summe bereit, sie betrage fünf Millionen Mark. Darüber hinaus sollte die Forderung allerdings nicht gehen. Der Junge folgt den Ausführungen mit hellem Entsetzen. Seine Mutter ist selbst vor Sorge so ergriffen, dass sie ihn nicht zu beruhigen vermag, der Vater redet über diese Dinge nicht mit ihm. Walter Kohl findet dann in einer zufälligen Begegnung Trost: Einmal trifft er im Vorzimmer seines Vaters in Bonn auf den damaligen Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer. Der spricht zum ersten Mal mit Walter über die Bedrohung durch die RAF, was dazu führt, dass der Junge befreit zu weinen beginnt. Schleyer tröstet ihn, die Wahrscheinlichkeit einer Entführung sei sehr gering. Und dann wird ausgerechnet dieser Mann zum Opfer der RAF.

          Doch das Buch ist nicht nur eine Aufarbeitung solcher Momente, in denen die bundesdeutsche Geschichte in all ihrem Horror in eine kindliche Lebenswelt fährt. Es ist genau genommen ein Hilfsbuch, ein Ratgeber für Menschen, die unverschuldet in schwierige Situationen geraten sind und immer weiter die eigene Ausweglosigkeit perfektionieren. Es ist ein Überlebensbuch im doppelten Sinne: eine Anleitung zur Umkehr aus tiefster Verzweiflung - und selbst Zeugnis einer Umkehr. Walter Kohl stand als erwachsener Mann kurz davor, sich das Leben zu nehmen.

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